18. Dezember

Die Schnecke auf dem Weg nach Bethlehem

An einem recht kalten Wintertag im Dezember, saß das Rotkehlchen auf einem Holunderbusch am Waldesrand.
Es schaute ganz munter um sich herum und als sein Blick nach unten auf den Boden fiel entdeckte es eine Schnecke.
„Hallo Schnecke, wohin des Weges?“
„Keine Ahnung, ich krieche einfach irgendwohin. Über die Richtung habe ich mir noch nie Gedanken gemacht. Hauptsache ich bin in Bewegung.“
„ Ja hast du denn noch nicht gehört, dass in Bethlehem ein ganz besonderes Kind geboren werden soll?
Es ist verheißen, dass es Gott selber ist, der uns das Licht und das Heil bringt?“
Die Schnecke wurde von den Worten des Rotkehlchens mitten ins Herz getroffen und plötzlich spürte sie eine große Sehnsucht nach diesem Licht.
„Nun Rotkehlchen, dann sag mir, in welche Richtung ich denn kriechen muss, wenn ich dorthin gelangen will?“
„Das weiß ich nicht“, entgegnete das Rotkehlchen, „aber frage einmal dein Herz, es wird dir schon den richtigen Weg weisen.“
Zunächst war die Schnecke sehr verwundert über diese seltsame Antwort,
aber als sie einen Moment inne gehalten hatte, gewahrte sie in sich ein kleines zartes Fünkchen, dass ihr Herz erwärmte und sie fühlte sich ganz zart hingezogen zu diesem Liebeslicht. Ohne weiter nachzudenken ließ sie es geschehen und kroch ihm entgegen.
Sie war ganz zufrieden und voller Kraft und bemerkte gar nicht, wie die Zeit verging.
Eines Tages lief der Schnecke eine Ameise über den Weg.
„He, hallo Ameise, nicht so schnell, wo läufst du denn hin, wollen wir ein Stück gemeinsam gehen?“
Verdutzt stoppte die Ameise ihre hektischen Schritte und schaute wo die Stimme herkam.
„ Oh , hast du mit mir gesprochen Schnecke, ich hatte dich gar nicht gesehen. Meine Güte, ich bin aber auch
total fertig, immer diese viele Arbeit, keine Zeit zum Ausruhen.“
Die Schnecke sprach: „ Ja hast du denn noch nicht gehört, dass in Bethlehem das Licht der Welt geboren wird,
das für uns alle neue Kraft und Heil bringt?“
„Nein“, erwiderte die Ameise, „das habe ich nicht, neue Kraft könnte ich allerdings dringend gebrauchen, aber ich bin schon ganz schlapp, ich glaube ich kann nicht mehr. Der Weg ist viel zu weit, das schaff ich nicht.“
Da lud die Schnecke die Ameise ein, auf ihrem Schneckenhaus Platz zu nehmen.
Die Ameise schüttelte zunächst verständnislos den Kopf und versuchte der Schnecke klarzumachen, dass sie in ihrer Langsamkeit doch niemals eine Chance hätte rechtzeitig in Bethlehem anzukommen.
Die Schnecke ließ sich von diesem Einwand nicht beirren und auch nicht von ihrem Entschluss abbringen.
„Ich spüre in meinem Herzen die Sehnsucht nach diesem Licht und wenn es wahr ist,
dass der Retter für uns alle gekommen ist, dann wird sein Licht groß und stark genug sein, so dass auch mich ein Strahl davon erreicht, sprach sie voll innerer Gewissheit.“
Die Ameise dachte bei sich, dass es auf jeden Fall besser sei, die Hilfe von der Schnecke anzunehmen,
als hier alleine kraftlos auf der Strecke zu bleiben.
So geschah es, dass nun beide gemeinsam unterwegs waren.
Nach einigen Tagen endete ihr Weg zur Mittagszeit an einem Hügel.
Zunächst waren sie sehr verwundert und auch irgendwie ratlos. Wie sollte es nun weiter gehen? Hatten sie sich verlaufen? Würden sie den richtigen Weg jemals finden, und wenn, würde es dann vielleicht zu spät sein?
Sie beschlossen erst einmal ein Rast zu machen und die Ameise kroch vom Schneckenhaus hinunter und setzte sich neben die Schnecke .
Gemeinsam ließen sie den Blick über das Tal schweifen und erblickten einen kleinen See.
Im Wasser spiegelte sich die Sonne und zauberte tausend und abertausend Glitzerfünkchen, die auf dem Wasser tanzten.
Ergriffen von diesem wundervollen Schauspiel trafen sich ihre Blicke und da erkannten sie, dass sich die Strahlen der Sonne auch in ihren Augen spiegelten.
Eine liebende Geborgenheit umfing sie und sie spürten ganz tief in ihren Herzen, dass die Geburt des Lichts sich genau jetzt und hier in diesem Augenblick ereignete.

17. Dezember

Geschenk

Ich fragte das Kind in der Krippe:
Was könnte ich Dir schenken?
Du Lebenssonne.
Was könnte ich Dir bringen?
Du Lebenslicht.
Was könnte ich Dir geben?
Du Lebensatem.

Das Kind in der Krippe antwortete mir:
Schenke mir Deine Fragen und Zweifel.
Bring mir Deine Sorgen und Nöte.
Gib mir Dein Hoffen und Sehnen.
Mit leeren Händen
und mit weitem Herzen
wirst Du empfänglich für meine Gaben.

Lass Dich von mir beschenken
und werde zu dem Geschenk,
das Du bereits von Ewigkeit her bist.

16. Dezember

Was ich tun könnte

Wenn es draußen so früh dunkel
könnte ich eine Kerze anzuzünden
und darüber nachsinnen,
wer oder was meinem Leben
Licht und Freude verleiht
und wofür ich dankbar bin.
Das sind Geschenke,
wie Sterne auf meinem Lebensweg.
Und dann könnte ich die Augen schließen
und mir einen Sternenhimmel vorstellen,
und voller Dankbarkeit die Sterne anschauen,
die mein Leben erhellen.
Dann könnte ich mich an einen lieben Menschen erinnern,
der mir gemeinsame Sternstunden beschert hat
und ich könnte ihm einen Brief schreiben oder ihn anrufen
und mit ihm meine Dankbarkeit und Freude teilen.

12. Dezember

Doppelte Weihnachtsfreude

Auch wenn das Geld meines Vaters knapp bemessen war, so ließ er es sich dennoch nicht nehmen, für jedes Familien Mitglied ein liebevoll ausgewähltes Weihnachtsgeschenk zu kaufen.
Eines Tages wurde er allerdings auf wundersame Weise ganz unerwartet beim Einkauf des Geschenkes, welches meiner Mutter zugedacht war, selbst zum Beschenkten.
Beim Bummel durch die Stadt hatte er vor dem Schaufenster einer Parfümerie Halt gemacht, in dem einige Kosmetiktäschchen mit entsprechendem Inhalt in sehr hübschem Design ausgestellt waren.
Vor jeder Tasche standen kleine schwarze Täfelchen mit jeweils einer Ziffer, die nebeneinander aufgereiht den Preis anzeigten.
Sein Blick blieb auf einer Tasche in der hinteren Reihe hängen, die mit einem Flakon des Lieblingsduftes meiner Mutter und einem passenden Badezusatz bestückt war.

Der Preis war zwar nicht unerheblich, aber er dachte, er wäre gerade noch im Rahmen seiner Möglichkeiten.
Daher ging er in das Geschäft und ließ sich die ausgewählte Tasche als Geschenk verpacken.
Als der Verkäufer ihm aber den Preis nannte, stockte meinem Vater vor Schreck der Atem und als er fassungslos nachfragte, weil er dem Preisschild im Schaufenster einen um einiges geringeren Preis entnommen hatte, stellte sich heraus, dass eines der kleinen Täfelchen umgekippt war und aus diesem Grund der falsche Preis angezeigt wurde.
Traurig sagte mein Vater, dass er sich das nicht leisten könne und bat verschämt um Verzeihung während er sich schon in Richtung Ausgang wendete.
Da ließ sich aus dem Hintergrund die Stimme des Ladenbesitzers vernehmen, die zu dem Verkäufer sagte: „Der Herr bekommt die Tasche zu dem Preis den er gesehen hat, denn schließlich ist doch bald Weihnachten!“
Ihr könnt euch vorstellen wie erstaunt mein Vater war und wie liebevoll sein Herz von dieser Großzügigkeit berührt wurde.
Als alle Geschenke am Weihnachtsmorgen ausgepackt waren, begann mein Vater von seinem außergewöhnlichen Erlebnis zu erzählen.
In unseren Herzen wurde es dabei sehr warm und es war als ob sich ein ganz besonderer Glanz im weihnachtlichen Zimmer ausbreitete.
Von diesem Tag an trugen wir alle dieses wundersame Ereignis wie einen verborgenen Schatz mit uns und an jedem Weihnachtsfest breitete sich erneut dieser zauberhafte Glanz in unserem Zimmer aus, wenn wir uns an dieses außergewöhnliche Erlebnis erinnerten und unsere Weihnachtsfreude wurde dadurch mindestens doppelt so groß.

Nach einer wahren Begebenheit

11. Dezember

Drei Könige

Manchmal ist dein Weg unübersichtlich,
Manchmal gehst du Umwege
Manchmal ist dein Ziel nicht erkennbar.

So ist es auch uns ergangen,
als wie uns auf den Weg machten.
Wir hatten keine sichere Wegbeschreibung
in unseren Taschen,
nur unser Vertrauen darauf,
dass der Stern uns leitet.
Manchmal ist es auch für dich Zeit
bedingungslos zu vertrauen.

Du brauchst auf deinem Weg,
der im Dunkeln liegt nur das Licht,
das in deinem Herzen leuchtet.

9. Dezember

Das verborgene Geschenk

In diesem Jahr sollte alles anders werden.

Die Adventszeit war auch in diesem Jahr wieder wie auf leisen Sohlen so überraschend herangeschlichen, das Anja Mühe hatte, sich vom Herbst zu lösen. Aber ihr Vorhaben, sich nicht vom allgemeinen Weihnachtsstress überrollen zu lassen, konnte sie zum ersten Mal in die Tat umsetzen. Fast jeden Abend nahm sie sich Zeit, eine Ruhepause einzulegen und in der Bibel oder anderen Büchern zu lesen und sich intensiv mit dem Weihnachtsgeschehen zu beschäftigen. Manchmal zündete sie eine Kerze an und lauschte einer meditativen Musik. Das alles trug dazu bei, dass in ihrem Herzen die Freude beständig wuchs.

Eines Abends dachte sie an die bevorstehende Weihnachtsfeier in ihrer Frauengruppe.

Das gemeinsame Wichteln war dabei zur Tradition geworden. Dazu brachte jede Frau ein kleines Geschenk mit, das nicht selten auch selber gebastelt wurde.

Sie hatten sich darauf geeinigt, dass die Freude am Beschenken im Vordergrund stehen und daher nicht viel Geld ausgegeben werden sollte. Die Päckchen kamen dann in einen Sack und nach der Reihe durfte jede Frau ein Geschenk daraus entnehmen.

Beim Gedanken an das Wichteln machte sich zum ersten Mal ein mulmiges Gefühl in Anjas Magengrube breit. Vor zwei Jahren hatte Simones Sohn im Kindergarten eine Kerze mit bunten Wachsplättchen verziert. Sie war nicht wirklich schön, und ausgerechnet dieses Exemplar war dazu bestimmt, in Anjas Händen zu landen. Mit neidvollem Blick hatte sie die hübsche und kreative Ausbeute der anderen Frauen betrachtet und nachdem sie ihre Enttäuschung herunter geschluckt hatte, wurde die Kerze zu Hause schnellstmöglich abgebrannt und damit auch wieder vergessen. Was ihr im letzten Jahr zuteil wurde, war nicht erfreulicher als im Vorjahr, zum Glück hatte sie die Erinnerung daran soweit verdrängt, dass sie nicht mehr sagen konnte, was sie bekam. Aber nun schlich sich eine unangenehme Vorahnung in ihr Herz: Sie war sich fast sicher, dass sie auch in diesem Jahr wieder solch ein unzumutbares Geschenk mit nach Hause nehmen musste.

Als der Tag der Weihnachtsfeier gekommen war, machte sich Anja schon früh morgens gut gelaunt an das Einpacken ihres Mitbringsels, das sie liebevoll ausgewählt hatte.
Sie summte dabei die Melodie ihres Lieblingsliedes leise vor sich hin und war ganz bei der Sache.

Als sie abends den festlich geschmückten Raum betrat, streifte ihr erster Blick den Schrank, auf dem bereits eine ganze Reihe von niedlichen Päckchen aufgereiht standen. Noch guter Dinge stellte sie ihren Beitrag zu den anderen. Als Simone schließlich den Raum betrat und ihr Geschenk auf den Wichteltisch stellte, war sie wieder da, diese unerträgliche, hellsichtige Gewissheit: Dieses hässliche Etwas, eine Klorolle mit Buntpapier als Kerze hergerichtet, sollte ihr gehören.

An einigen Stellen war das Papier zerdrückt und eingerissen,- der Sohn von Simone hatte offensichtlich seiner geballten künstlerischen Begabung mit ungebremster Motivation freien Lauf gelassen. Nun begann die Bescherung.

In diesem Jahr sollte alles anders werden.

Die Päckchen wurden nämlich mit einer Zahl versehen.
Jede Frau zog ein Zettelchen mit einer entsprechenden Nummer, und bekam dann ihre Überraschung. Anja biss die Zähne zusammen und versuchte sich mit aller Kraft gegen die penetranten Gedanken zu wehren, die wie ein Fluch auf ihr lasteten. So nahm sie dann auch mit verkrampften Gesichtszügen ihre Gabe entgegen.

Es kam wie es kommen musste, sie bekam was ihr zustand, und ließ es auch sogleich mit einem gekünstelten Lächeln in ihrer Tasche verschwinden, um es nie wieder eines Blickes zu würdigen: Das Klorollenprachtstück!


Als alle Frauen ihre Kostbarkeiten mit viel Freude ausgepackt hatten, kam der Höhepunkt: Die nervige Simone fragte Anja doch tatsächlich vor versammelter Mannschaft, ob ihr denn das Geschenk gefallen würde.

Aus Anjas Mund kam nur ein klägliches Dankeschön.

Aber Simone blieb hartnäckig: Ob Anja denn wirklich annehme, dass das, was sie gesehen habe wirklich ihr Geschenk sei? Sie solle es doch einmal auspacken!

Verwirrt und unsicher nahm Anja die Klorolle aus der Versenkung und entfernte das Buntpapier. Da kullerte eine mit Goldlack bepinselte Walnuss heraus.

Sie hatte ein winziges Scharnier, und als Anja sie zögernd und vorsichtig öffnete, blieb ihr vor Verwunderung der Mund offen stehen: Innen war eine wundervolle Krippe beherbergt, deren Figuren aus zierlichen Ästchen geschnitzt waren.

Anja schämte sich und gleichzeitig wurde sie mit einer tiefen Freude erfüllt.

Ehrfürchtig und ergriffen bestaunte sie das schönste und wertvollste Geschenk, das sie je erhalten hatte.

In diesem Jahr sollte alles anders werden.

(Nach einer wahren Begebenheit)