Glückseligkeit und Herzeleid

An manchen Tagen war es so, als ob sich ein graues Tuch um ihre Seele gelegt hätte und auf ihrem Herzen ein dicker Stein lastete.
Das war nicht immer so gewesen.
Als sie mit ihrem geliebten Mann gemeinsam durch das Leben ging, waren ihre Tage erfüllt von Leichtigkeit und Wärme und selbst in schwierigen Zeiten war sie erfüllt von Hoffnung und Kraft. Erst als er durch diesen schrecklichen Unfall von ihrer Seite gerissen wurde, fühlte sie sich den Stürmen des Lebens schutzlos ausgeliefert. Schmerz und Trauer kamen und gingen, ohne dass sie sich dagegen wehren konnte.
Sie hatte gehofft, dass mit der Zeit die Wunde in ihrem Herzen verheilen und diese bleischweren Tage irgendwann ganz aus ihrem Leben verschwinden würden. Aber immer wenn sie dachte, dass die Trauer endlich ausgestanden sei, wurde sie ganz unvermittelt wieder hineingezogen wie in eine dunkle Höhle.
Eines Tages saß sie zusammengesunken und erschöpft auf einer Bank im Park. Vergeblich hatte sie wieder einmal versucht, der Dunkelheit in ihrer Seele zu entkommen.
Da wurde sie plötzlich von einem Blumenbeet am Rande der Wiese angezogen.
Es war bereits Herbst, aber dennoch blühten mit unerschütterlicher Lebenskraft einige Rosen. Sie stand auf und und schnupperte an den Blüten, die einen himmlischen Duft verströmten. Als sie das makellos schöne Blütenkleid betrachtete fiel ihr Blick unvermittelt auf die Stacheln am Stängel. Warum muss diese wundervolle Blume solche Stacheln haben? Es kam ihr so vor, als ob die Natur einen Fehler gemacht hätte; das passte doch nicht zusammen!
Einen Augenblick später wurde sie von einem sanften Stimmchen aus ihren Gedanken gerissen:
"Glückseligkeit und Herzeleid
eingewebt ins selbe Kleid
kann keines ohne das andere sein
sie wachsen nur aus einem Keim."
Sie erinnerte sich daran, dass dieser Satz aus einem Märchen stammte, das ihre Oma ihr früher oft erzählt hatte.
Verwirrt schaute sie um sich. Wo kam diese Stimme bloß her? Sie beugte sich ganz nah an das Beet und suchte auf den Blüten und am Boden. Da setzte sich ein Schmetterling auf eine Blüte direkt vor ihr.
Dieses Erlebnis verwirrte sie doch einigermaßen.
War sie doch das, was man landläufig einen Kopfmenschen nannte und deshalb nun sehr verunsichert, weil sie das Erlebte nicht einordnen konnte.
Dennoch spürte sie, dass die Last ihres Herzens etwas leichter geworden war und so ging sie gestärkt nach Hause.
Dort angekommen konnte sie nicht länger warten und stöberte in ihren Märchenbüchern, bis sie das besagte Märchen fand.
Sie setzte sich in ihren Sessel und begann zu lesen:

Glückseligkeit und Herzeleid

Es waren einmal zwei Gefühle,
das eine mit dem Namen Glückseligkeit,
das andere wurde Herzeleid genannt.
Sie wurden einst von der Schicksalsgöttin Fatuma wie Zwillinge fast zur selben Zeit geboren.
Fatuma hatte die Fäden des Lebens fest in ihrer Hand und sprach, als die beiden das Licht der Welt erblickten, folgenden Spruch über sie, der ihre Lebensbestimmung besiegeln sollte:
"Glückseligkeit und Herzeleid
eingewebt ins selbe Kleid
kann keines ohne das andere sein
sie wachsen nur aus einem Keim."
Ihre Bestimmung war es, in dem Herzen eines jeden Menschen Einzug zu halten.
Wenn Eines ein Herz erobert hatte, ließ das Andere nicht lange auf sich warten, sie waren schließlich Blutgeschwister.
Und deshalb wird es niemals einen Menschen geben, der allezeit glücklich ist, aber es wird auch kein Mensch dauerhaft leiden müssen.

Als sie den letzten Satz des Märchens gelesen hatte, wurde sie tief ergriffen von einer Erkenntnis:
Die Liebe, die sie für ihren verstorbenen Mann empfand, war der Grund, warum sie so litt. Wäre er nicht in ihr Leben gekommen, hätte sie niemlas das unermesslich wertvolle Geschenk seiner Liebe empfangen und würde jetzt auch nicht leiden.
Beides war untrennbar miteinander verbunden wie die zwei Seiten einer Goldmünze.



Endlich Feierabend

Endlich Feierabend
(nach einer wahren Begebenheit)

Endlich Feierabend! Jetzt nur schnell nach Hause, dachte er und sah sich im Geiste schon total entspannt bei einer duftenden Tasse Tee mit seinem Lieblingsbuch auf dem Sofa herumfläzen. Er ging beschwingten Schrittes Richtung Parkplatz, wo er sich jeden Abend nach getaner Arbeit mit seiner Freundin traf, um mit ihr gemeinsam nach Hause zu fahren.
Lotta war heute zuerst beim Auto und er sah schon von Weitem, dass etwas nicht stimmte. Sie trippelte nervös hin und her und als sie ihn erblickte, rang sie verzweifelt mit den Armen. Er musste nicht warten, bis er bei ihr angekommen war, sondern erfuhr bereits auf halbem Wege den ihm von ihr mit erhobener Stimme entgegengeschmetterten Grund der Aufregung: Er hatte am Morgen den Autoschlüssel versehentlich im Auto stecken lassen. Zum großen Glück war Lotta trotz ihres etwas aufbrausenden Naturells stets pragmatisch und lösungsorientiert. Deshalb war schnell klar, was Gregor jetzt zu tun hatte. Sie schickte ihn zum nahegelegenen Blumengeschäft um die Ecke, um Blumendraht zu kaufen, denn es war ja schließlich kein Geheimnis, dass schon mancher Autodieb mit diesem simplen Mittel zum Erfolg gekommen war.
Im blieb weder Zeit noch Kraft für Einspruch und so schlenderte er mit gesenktem Haupt von dannen. Ihn ihm regte sich sofort ein mulmiges Gefühl und er war sich darüber im Klaren, dass er sich mit seiner Bitte nach Blumendraht höchst verdächtig machen würde. Was konnte man auch anderes denken, als dass er sich an einem fremden Auto zu schaffen machen wollte; er sah schließlich nicht wie ein verkapptes Floristikgenie aus! Zudem war er auch nicht mit schauspielerischem Talent gesegnet, das ihm jetzt geholfen hätte, selbstsicher und unbedarft zu wirken. Nun, es war also abzusehen, dass dieser Einkauf nicht reibungslos vonstatten gehen würde.
Er betrat mit bleischweren Schritten und hängenden Schultern das Geschäft. Ein winziger Augenblick blieb ihm noch, um sich selbst verzweifelt Mut zuzusprechen, denn die Kundin vor ihm war noch nicht ganz fertig. Dann war es soweit, die freundliche Verkäuferin fragte ihn nach seinem Wunsch. „Eine Rolle Blumendraht bitte“, sprach er mit dünner, zittriger Stimme.
Sie schaute ihn sogleich mitleidig an und fragte: „Sie möchten also Blumendraht?“ Die Last des zugegebenermaßen vollkommen berechtigten Verdachtes, den er auf sich zog, legte sich unterdessen als Kloß auf seine Stimmbänder. Kein Wort bekam er mehr heraus. Sein Schweigen, gepaart mit der gekrümmten Körperhaltung, erweckte bei der Verkäuferin jähes Mitleid und sie fragte ihn, ob er mit dem Blumendraht einen Kranz binden wolle? Er war inzwischen so verzweifelt und überfordert von der ganzen Situation, dass er nur stumm nickte, in der Hoffnung, jetzt unverzüglich seinen Einkauf erledigen und den Ort des Grauens verlassen zu können. Aber er hatte nicht damit gerechnet, dass er bei der emphatischen Dame sowohl mütterliche Gefühle als auch ihre grenzenlose Hilfsbereitschaft wecken würde.
Sie fragte mit samtweicher, einfühlsamer Intonation, ob seine Oma gestorben sei und als er schicksalsergeben seinen Blick noch weiter senkte, ging sie beherzt in die Offensive und schlug vor: „Wissen Sie, es ist doch viel zu zeitaufwendig und umständlich einen Kranz selber zu binden. Ich habe hier noch einige Kränze im Sonderangebot, sind zwar noch von der letzten Woche, aber wirklich anstandslos in Ordnung. Kommen Sie doch mal mit, junger Mann“! Sie zog ihn, weil er keinen Widerstand leistete, in die hinterste Ecke, wuchtete mit elegantem Schwung drei Kränze, einer schöner als der andere, auf den Tisch. „Bitte sehr, jeder zum halben Preis, dafür können Sie es doch nicht selber machen!“ sagte sie triumphierend.
Blitzartig überkam ihn ein eiskaltes Grausen, als er sich vor seinem inneren Auge mit dem Kranz aus dem Geschäft gehen und irgendwo heimlich in einer Ecke in Windeseile den Kranz auseinanderrupfen sah, um an den begehrten Blumendraht zu kommen. Augenblicklich wurde ihm klar, dass er jetzt sehr tapfer sein musste, bevor die Situation total aus dem Ruder lief. Er sammelte also alle Kräfte, die er noch in letzter Verzweiflung aufbringen konnte, und sagte mit gepresster Stimme: „Ich möchte Blumendraht!“
Sie schüttelte verständnislos ihren Kopf, gab sich aber geschlagen und reichte ihm das Objekt seiner Begierde. Sein Glück kaum fassend schritt er mit stolz geschwellter Brust zum Parkplatz zurück. Sein Heldenmut wurde aber keineswegs gewürdigt, im Gegenteil! Lotta wetterte mit zornerfüllter Stimme: „Wo bleibst du denn, es ist doch nicht zu fassen, wie lange kann man denn brauchen, um eine winzige Rolle Blumendraht zu kaufen?“

Das Mosaik des Lebens

Keine Frage, das Leben hatte ihm übel mitgespielt. Er schleppte sich schon eine lange Zeit mehr schlecht als recht durch die Tage und es schien so, als ob das Glück mit ihm Verstecken spielte. Er haderte mit dem Sinn des Lebens und seine Gedanken liefen unaufhörlich im Kreis, wie ein Hamster in seinem Rad: „So viele Verletzungen, so viele Kämpfe, so viele Hindernisse und Enttäuschungen, So viel Trauer, so viele Fehler so viele Zweifel und Ungerechtigkeiten…“
Auch heute ist er wie schon so oft schließlich vor Erschöpfung eingeschlafen. Er träumt von einer Eule, die auf dem obersten Ast eines uralten Baumes sitzt. Sie hat außergewöhnlich große und hellstrahlende Augen. Als die Sonne bereits unter gegangen ist, breitet sie ihre Flügel aus und zieht in der Luft einen weiten Kreis, bis sie sich auf einer kleinen Mauer niedersetzt.

Der Jüngling findet sich im Traum nun selbst an diesem Ort auf der Mauer sitzend wieder. Er erkennt, dass er sich auf einem Friedhof befindet, auf dem keine gewöhnlichen Gräber sind. Die Grabplatten sind allesamt mit bunt schillernden Mosaiken verziert, die sich aus mehr oder weniger Platten zusammensetzen. Als er verwundert über den Friedhof geht, steht er plötzlich einem Greis gegenüber und fragt ihn, warum dieser Friedhof so ganz anders aussieht.

Der Alte erklärt ihm, dass jeder Mosaikstein für ein Lebensjahr steht. Jeder Bewohner des Dorfes bekommt von seiner Geburt an zu jedem Geburtstag eine bemalte Platte geschenkt und mit dem zwölften Geburtstag beginnt er fortan selbst damit sinnbildlich für das vergangene Lebensjahr eine Platte zu bemalen. Die Platten werden sorgsam aufbewahrt und am Lebensende von den Nachfahren zu einem Mosaik zusammengesetzt und auf die Grabplatte aufgelegt.
Wie aus den Wolken gefallen findet er sich ruckartig erwacht in seinem Bett wieder. Er hat Mühe in die Realität zurück zu finden, denn der Traum hält ihn noch fest.
Während er dem Traumerlebnis nachsinnt fällt es ihm plötzlich wie Schuppen von den Augen und er erkennt die Botschaft: Die Kunst besteht darin, das Leben als Ganzes zu betrachten, mit all seinen Höhen und Tiefen. Alles, ob schwer oder leicht ob dunkel oder hell hat seinen Platz im Lebensmosaik und im Zusammenspiel der Komponenten erschließt sich der Sinn Stück für Stück.

Lebensmosaik
Mein Leben
ist wie
ein Mosaik
mal wähle ich
mal nehme ich hin
was sich
Stück für Stück
zusammenfügt
Im Laufe
der Jahre
erkenne ich
immer deutlicher
die Schönheit
des einzigartigen
Musters



Die Zeit stand still

Rudolf (der Name ist verändert), war ein Kind das auffiel, man konnte ihn nicht übersehen oder überhören. In der Schule veranlasste sein Verhalten die Lehrer immer wieder zu Strafen und er machte sich dadurch auch bei den Mitschülern nicht beliebt. In früheren Zeiten hätte man ihn mit dem Zappelphilipp aus dem Buch vom Struwelpeter verglichen und heute würde man ein solches Kind wohl unter der Diagnose ADHS einordnen.

Rudolf und ich waren schon seit dem Kindergarten miteinander befreundet. Ich hielt zu ihm, denn schließlich sollte auch er nicht ohne Freund durchs Leben gehen.
Weil ich ihn auch zu Hause besuchte, bekam ich noch eine ganz andere Sicht auf seine Situation, denn ich erlebte, dass er dort ganz anders war. Er wirkte auf mich sehr eingeschüchtert und das schrieb ich der nach meinem Empfinden übersteigerten Strenge seiner Eltern zu.

Unser gemeinsamer Weg nahm nach vielen Jahren ein jähes Ende.

Niemals werde ich den Tag vergessen, an dem ich hautnah und unerbittlich mit der Endlichkeit des Lebens konfrontiert wurde.
Es war an einem Samstag und ich muss wohl 8 Jahre als gewesen sein.
Die Schulglocke hatte geklingelt und ich stürmte wie alle meine Mitschüler aus dem Klassensaal in den Flur hinaus. Munter lief ich zur Treppe hinunter als ich im Vorbeigehen einen Gesprächsfetzen der beiden Reinigungsfrauen aufschnappte, die im Flur standen und ihre Köpfe zusammensteckten. Die Wörter: Auto, Unfall, tot, waren wie eine blitzartige Vorwarnung, bevor sich mit der Nennung des Nachnamens meines Freundes die Gewissheit wie ein Pfeil durch mein Herz bohrte.
Als wenn mit einem Schlag die Zeit angehalten wurde blieb ich wie vom Donner gerührt auf der Treppe stehen und ließ den Klang der Stimmen in mir nachhallen, um dann ruckartig wieder in die Zeit zurück zu kommen und so schnell wie mich meine Beine trugen und ohne eine Pause einzulegen nach Hause zu rennen.

Mein Freund und ich wohnten nicht nur im selben Ort und besuchten die gleiche Kindergartengruppe, sondern hatten auch dieselbe Schulklasse besucht. Es gab zu unseren vielen Gemeinsamkeiten noch eine weitere: Wir teilten uns das selbe Geburtsdatum.
Durch diese Tatsache hinterließ Rudolfs Tod eine noch tiefere Prägung in meinem Leben, denn in den darauffolgenden Kindheitsjahren ließ mich die Frage nach dem Warum nicht los.
Das dumpfe Gefühl, dass ich es nicht verdiente weiter zu leben, hatte sich irgendwo in einem Winkel meiner Seele eingenistet.
Seit diesem Samstag Morgen war nichts mehr so wie zuvor.
Mein Leben glich einer Eisscholle, die in der Mitte entzwei gebrochen war, während ich auf dem einen Teil stehend zusehen musste, wie das Stück unbeschwerter Kindheit nun unablässig immer weiter von mir fort trieb. Ich blieb in der Realität einer neuen Welt zurück.

An dem Tag als der folgenschwere Unfall geschah, hatte ich meinen Freund noch kurz zuvor im Dorf getroffen. Ich war auf dem Weg nach Hause und plötzlich ertönte sein Rufen hinter mir.
Aus welchem Grund auch immer war ich genervt und hatte keine Lust stehen zu bleiben. Ich wollte meine Ruhe und versuchte ihn zu ignorieren. Er ließ aber nicht locker und so kam es, dass ich ihm nicht gerade freundlich begegnete. Einzelheiten unseres kurzen Gespräches weiß ich nicht mehr, nur dass ich im unwirsch zu verstehen gab, dass ich jetzt keine Zeit habe.
Ich habe noch Jahre später zutiefst bereut, dass unsere letzte Begegnung so unschön verlaufen war.

Das Leben hatte mir mit diesem Erlebnis eine nachhaltige Lektion erteilt:
Unsere Zeit ist begrenzt und wir wissen nicht, wann wir gehen müssen.
Hätte ich damals geahnt, dass ich Rudolf zum letzten Mal sehen würde, hätte ich ihn niemals so abblitzen lassen.
Ich kann nicht sagen wie oft ich an seinem Grab gestanden und ihn um Verzeihung gebeten habe.
In der Hoffnung, dass meine Bitte ihn erreicht hat, ließ ich irgendwann von diesem Ritual ab.

(Eine wahre Begebenheit aus meinem Leben.)