Der goldene Oktobertag

Der goldene Oktober-Tag
oder
Warum das Wetter manchmal verrückt spielt

„Was willst du denn hier? Verzieh dich, siehst du denn du nicht, dass du viel zu spät bist?“
Diese unwirschen Beschimpfungen musste sich der goldene Oktobertag anhören, als er endlich zutage kam.
Er gehörte zu den eher Stillen und Introvertierten und nicht gerade zu den Schnellsten. Die Bezeichnung Genießer traf auf ihn zu, er war also eigentlich gerade das, was man einen Tagträumer nannte.
Aber es kam noch schlimmer, nachdem er die äußerst unfreundliche Begrüßung der anderen Oktobertage über sich hatte ergehen lassen müssen. Er fühlte sich so, als ob er vom Regen in die Traufe gekommen sei und das war er tatsächlich auch. Aber um das zu verstehen, bedarf es einer näheren Erklärung.
Wie schon gesagt, er war von seiner Bestimmung her ein goldener Oktobertag, genau genommen, der 21. dieses Jahres.
Aber seine Pflicht war er schuldig geblieben, und das keineswegs wegen Faulheit. Nein, er hatte sich in der Begeisterung über all die wundervollen Herbsttage, die vor ihm an der Reihe gewesen waren, total in der Bewunderung verloren und war nicht rechtzeitig bereit gewesen, seine Stelle anzutreten.
Daher kam er viel zu spät und stand schließlich wie ein begossener Pudel neben dem grausig grauen Novembertag, der mit dicken Wolken und kräftigen Regengüssen aufwartete.
Als der ihn neben sich stehen sah, wetterte er mit seiner wutentbrannten Stimme: „Ja du kommst mir gerade recht, jetzt bin ich schon hier auf deinem Platz, also verzieh dich gefälligst!“ Dabei blies er ihm mit einer gehörigen Sturmböe den Marsch.
Nun könnte man meinen, der grausig graue Novembertag wäre von Grunde auf ein Miesepeter, also das, was man im Allgemeinen einen unangenehmen Zeitgenossen nannte. Aber wer das annimmt, der täuscht sich gewaltig. Er hatte sich bei seinen Brüdern, den anderen grausig grauen Novembertagen, unbeliebt gemacht, weil er zugegebenermaßen etwas eigensinnig war, aber nicht etwa, weil er störrisch gewesen wäre.
Er hatte lediglich ein empfindsames Naturell und fror leicht, und deshalb hatte er sich in einem dicken Blätterhaufen verkrochen und so gemütlich eingemummelt, dass er doch tatsächlich im letzten Jahr seinen Einsatz verpasst hatte.
Ein anderer Novembertag musste damals seine Arbeit übernehmen, und aus diesem Grund war fortan keiner mehr gut auf ihn zu sprechen.
Da war natürlich sofort klar, wer in die Bresche springen musste, als der goldene Oktobertag, der 21., auf sich warten ließ.
Da er daran gewöhnt war, von seinen Brüdern verspottet zu werden, wollte er sich nun auf keinen Fall eine Blöße geben und war nun völlig übermotiviert an die Sache herangegangen. Denen würde er es zeigen! Von wegen er wäre ein hoffnungsloses Weichei, ein Warmduscher. Er gab wirklich alles und zeigte sich von seiner wildesten Seite.
Und nun, da er den goldenen Oktobertag mit geballter Kraft aus seinem Monat vertrieben hatte, irrte dieser verwirrt umher und suchte nach einem neuen Platz. Er war nun dazu verdonnert so lange zu suchen, bis er eine Lücke gefunden hatte, also bis ein anderer Tag aus irgendwelchen Gründen seinen Einsatz verpassen würde.
Wer weiß, dachte der Goldene Oktobertag bekümmert bei sich, vielleicht werde ich zu einem dieser ungeliebten Sommertage, an denen die Menschen mäkeln: „Ach, wann wird es denn endlich wieder Sommer? Es ist so unangenehm kühl, als ob es schon Herbst wäre.“
Wenn ich Glück habe, sinnierte er, könnte ich ein sonderbar lauer Wintertag werden, der ein zartes Lächeln auf die Gesichter zaubert und nach wochenlangem klirrendem Frost die Hoffnung auf den baldigen Einzug des Frühlings weckt?
Er hatte freilich nicht damit gerechnet, dass er seinen Einsatz schon viel früher haben würde. Am Abend des 10. Novembers traf er auf seinem Weg auf den grausig grauen 11.November, der total lustlos in den Startlöchern hing. Da kam ihm die zündende Idee.
Er erzählte dem 11.November, was er vorhatte und dem war sein Vorschlag mehr als recht.
Also gesagt, getan: Der goldene Oktober, der 21. kam mit stolz geschwellter Brust und bester Laune an den Horizont und entfaltete im Laufe des Tages hochmotiviert seine geballte Energie.
Die Menschen saßen also am 11.November bei 18 Grad und strahlendem Sonnenschein draußen vor den Cafés und sprachen verwundert: „Na, man könnte meinen, dass dieser Novembertag sich entschlossen hat bei der Eröffnung der Faschingssaison mitzumischen und sich deshalb als Spätsommertag verkleidet hat.“

Glückseligkeit und Herzeleid

An manchen Tagen war es so, als ob sich ein graues Tuch um ihre Seele gelegt hätte und auf ihrem Herzen ein dicker Stein lastete.
Das war nicht immer so gewesen.
Als sie mit ihrem geliebten Mann gemeinsam durch das Leben ging, waren ihre Tage erfüllt von Leichtigkeit und Wärme und selbst in schwierigen Zeiten war sie erfüllt von Hoffnung und Kraft. Erst als er durch diesen schrecklichen Unfall von ihrer Seite gerissen wurde, fühlte sie sich den Stürmen des Lebens schutzlos ausgeliefert. Schmerz und Trauer kamen und gingen, ohne dass sie sich dagegen wehren konnte.
Sie hatte gehofft, dass mit der Zeit die Wunde in ihrem Herzen verheilen und diese bleischweren Tage irgendwann ganz aus ihrem Leben verschwinden würden. Aber immer wenn sie dachte, dass die Trauer endlich ausgestanden sei, wurde sie ganz unvermittelt wieder hineingezogen wie in eine dunkle Höhle.
Eines Tages saß sie zusammengesunken und erschöpft auf einer Bank im Park. Vergeblich hatte sie wieder einmal versucht, der Dunkelheit in ihrer Seele zu entkommen.
Da wurde sie plötzlich von einem Blumenbeet am Rande der Wiese angezogen.
Es war bereits Herbst, aber dennoch blühten mit unerschütterlicher Lebenskraft einige Rosen. Sie stand auf und und schnupperte an den Blüten, die einen himmlischen Duft verströmten. Als sie das makellos schöne Blütenkleid betrachtete fiel ihr Blick unvermittelt auf die Stacheln am Stängel. Warum muss diese wundervolle Blume solche Stacheln haben? Es kam ihr so vor, als ob die Natur einen Fehler gemacht hätte; das passte doch nicht zusammen!
Einen Augenblick später wurde sie von einem sanften Stimmchen aus ihren Gedanken gerissen:
"Glückseligkeit und Herzeleid
eingewebt ins selbe Kleid
kann keines ohne das andere sein
sie wachsen nur aus einem Keim."
Sie erinnerte sich daran, dass dieser Satz aus einem Märchen stammte, das ihre Oma ihr früher oft erzählt hatte.
Verwirrt schaute sie um sich. Wo kam diese Stimme bloß her? Sie beugte sich ganz nah an das Beet und suchte auf den Blüten und am Boden. Da setzte sich ein Schmetterling auf eine Blüte direkt vor ihr.
Dieses Erlebnis verwirrte sie doch einigermaßen.
War sie doch das, was man landläufig einen Kopfmenschen nannte und deshalb nun sehr verunsichert, weil sie das Erlebte nicht einordnen konnte.
Dennoch spürte sie, dass die Last ihres Herzens etwas leichter geworden war und so ging sie gestärkt nach Hause.
Dort angekommen konnte sie nicht länger warten und stöberte in ihren Märchenbüchern, bis sie das besagte Märchen fand.
Sie setzte sich in ihren Sessel und begann zu lesen:

Glückseligkeit und Herzeleid

Es waren einmal zwei Gefühle,
das eine mit dem Namen Glückseligkeit,
das andere wurde Herzeleid genannt.
Sie wurden einst von der Schicksalsgöttin Fatuma wie Zwillinge fast zur selben Zeit geboren.
Fatuma hatte die Fäden des Lebens fest in ihrer Hand und sprach, als die beiden das Licht der Welt erblickten, folgenden Spruch über sie, der ihre Lebensbestimmung besiegeln sollte:
"Glückseligkeit und Herzeleid
eingewebt ins selbe Kleid
kann keines ohne das andere sein
sie wachsen nur aus einem Keim."
Ihre Bestimmung war es, in dem Herzen eines jeden Menschen Einzug zu halten.
Wenn Eines ein Herz erobert hatte, ließ das Andere nicht lange auf sich warten, sie waren schließlich Blutgeschwister.
Und deshalb wird es niemals einen Menschen geben, der allezeit glücklich ist, aber es wird auch kein Mensch dauerhaft leiden müssen.

Als sie den letzten Satz des Märchens gelesen hatte, wurde sie tief ergriffen von einer Erkenntnis:
Die Liebe, die sie für ihren verstorbenen Mann empfand, war der Grund, warum sie so litt. Wäre er nicht in ihr Leben gekommen, hätte sie niemlas das unermesslich wertvolle Geschenk seiner Liebe empfangen und würde jetzt auch nicht leiden.
Beides war untrennbar miteinander verbunden wie die zwei Seiten einer Goldmünze.



Endlich Feierabend

Endlich Feierabend
(nach einer wahren Begebenheit)

Endlich Feierabend! Jetzt nur schnell nach Hause, dachte er und sah sich im Geiste schon total entspannt bei einer duftenden Tasse Tee mit seinem Lieblingsbuch auf dem Sofa herumfläzen. Er ging beschwingten Schrittes Richtung Parkplatz, wo er sich jeden Abend nach getaner Arbeit mit seiner Freundin traf, um mit ihr gemeinsam nach Hause zu fahren.
Lotta war heute zuerst beim Auto und er sah schon von Weitem, dass etwas nicht stimmte. Sie trippelte nervös hin und her und als sie ihn erblickte, rang sie verzweifelt mit den Armen. Er musste nicht warten, bis er bei ihr angekommen war, sondern erfuhr bereits auf halbem Wege den ihm von ihr mit erhobener Stimme entgegengeschmetterten Grund der Aufregung: Er hatte am Morgen den Autoschlüssel versehentlich im Auto stecken lassen. Zum großen Glück war Lotta trotz ihres etwas aufbrausenden Naturells stets pragmatisch und lösungsorientiert. Deshalb war schnell klar, was Gregor jetzt zu tun hatte. Sie schickte ihn zum nahegelegenen Blumengeschäft um die Ecke, um Blumendraht zu kaufen, denn es war ja schließlich kein Geheimnis, dass schon mancher Autodieb mit diesem simplen Mittel zum Erfolg gekommen war.
Im blieb weder Zeit noch Kraft für Einspruch und so schlenderte er mit gesenktem Haupt von dannen. Ihn ihm regte sich sofort ein mulmiges Gefühl und er war sich darüber im Klaren, dass er sich mit seiner Bitte nach Blumendraht höchst verdächtig machen würde. Was konnte man auch anderes denken, als dass er sich an einem fremden Auto zu schaffen machen wollte; er sah schließlich nicht wie ein verkapptes Floristikgenie aus! Zudem war er auch nicht mit schauspielerischem Talent gesegnet, das ihm jetzt geholfen hätte, selbstsicher und unbedarft zu wirken. Nun, es war also abzusehen, dass dieser Einkauf nicht reibungslos vonstatten gehen würde.
Er betrat mit bleischweren Schritten und hängenden Schultern das Geschäft. Ein winziger Augenblick blieb ihm noch, um sich selbst verzweifelt Mut zuzusprechen, denn die Kundin vor ihm war noch nicht ganz fertig. Dann war es soweit, die freundliche Verkäuferin fragte ihn nach seinem Wunsch. „Eine Rolle Blumendraht bitte“, sprach er mit dünner, zittriger Stimme.
Sie schaute ihn sogleich mitleidig an und fragte: „Sie möchten also Blumendraht?“ Die Last des zugegebenermaßen vollkommen berechtigten Verdachtes, den er auf sich zog, legte sich unterdessen als Kloß auf seine Stimmbänder. Kein Wort bekam er mehr heraus. Sein Schweigen, gepaart mit der gekrümmten Körperhaltung, erweckte bei der Verkäuferin jähes Mitleid und sie fragte ihn, ob er mit dem Blumendraht einen Kranz binden wolle? Er war inzwischen so verzweifelt und überfordert von der ganzen Situation, dass er nur stumm nickte, in der Hoffnung, jetzt unverzüglich seinen Einkauf erledigen und den Ort des Grauens verlassen zu können. Aber er hatte nicht damit gerechnet, dass er bei der emphatischen Dame sowohl mütterliche Gefühle als auch ihre grenzenlose Hilfsbereitschaft wecken würde.
Sie fragte mit samtweicher, einfühlsamer Intonation, ob seine Oma gestorben sei und als er schicksalsergeben seinen Blick noch weiter senkte, ging sie beherzt in die Offensive und schlug vor: „Wissen Sie, es ist doch viel zu zeitaufwendig und umständlich einen Kranz selber zu binden. Ich habe hier noch einige Kränze im Sonderangebot, sind zwar noch von der letzten Woche, aber wirklich anstandslos in Ordnung. Kommen Sie doch mal mit, junger Mann“! Sie zog ihn, weil er keinen Widerstand leistete, in die hinterste Ecke, wuchtete mit elegantem Schwung drei Kränze, einer schöner als der andere, auf den Tisch. „Bitte sehr, jeder zum halben Preis, dafür können Sie es doch nicht selber machen!“ sagte sie triumphierend.
Blitzartig überkam ihn ein eiskaltes Grausen, als er sich vor seinem inneren Auge mit dem Kranz aus dem Geschäft gehen und irgendwo heimlich in einer Ecke in Windeseile den Kranz auseinanderrupfen sah, um an den begehrten Blumendraht zu kommen. Augenblicklich wurde ihm klar, dass er jetzt sehr tapfer sein musste, bevor die Situation total aus dem Ruder lief. Er sammelte also alle Kräfte, die er noch in letzter Verzweiflung aufbringen konnte, und sagte mit gepresster Stimme: „Ich möchte Blumendraht!“
Sie schüttelte verständnislos ihren Kopf, gab sich aber geschlagen und reichte ihm das Objekt seiner Begierde. Sein Glück kaum fassend schritt er mit stolz geschwellter Brust zum Parkplatz zurück. Sein Heldenmut wurde aber keineswegs gewürdigt, im Gegenteil! Lotta wetterte mit zornerfüllter Stimme: „Wo bleibst du denn, es ist doch nicht zu fassen, wie lange kann man denn brauchen, um eine winzige Rolle Blumendraht zu kaufen?“

Das Mosaik des Lebens

Keine Frage, das Leben hatte ihm übel mitgespielt. Er schleppte sich schon eine lange Zeit mehr schlecht als recht durch die Tage und es schien so, als ob das Glück mit ihm Verstecken spielte. Er haderte mit dem Sinn des Lebens und seine Gedanken liefen unaufhörlich im Kreis, wie ein Hamster in seinem Rad: „So viele Verletzungen, so viele Kämpfe, so viele Hindernisse und Enttäuschungen, So viel Trauer, so viele Fehler so viele Zweifel und Ungerechtigkeiten…“
Auch heute ist er wie schon so oft schließlich vor Erschöpfung eingeschlafen. Er träumt von einer Eule, die auf dem obersten Ast eines uralten Baumes sitzt. Sie hat außergewöhnlich große und hellstrahlende Augen. Als die Sonne bereits unter gegangen ist, breitet sie ihre Flügel aus und zieht in der Luft einen weiten Kreis, bis sie sich auf einer kleinen Mauer niedersetzt.

Der Jüngling findet sich im Traum nun selbst an diesem Ort auf der Mauer sitzend wieder. Er erkennt, dass er sich auf einem Friedhof befindet, auf dem keine gewöhnlichen Gräber sind. Die Grabplatten sind allesamt mit bunt schillernden Mosaiken verziert, die sich aus mehr oder weniger Platten zusammensetzen. Als er verwundert über den Friedhof geht, steht er plötzlich einem Greis gegenüber und fragt ihn, warum dieser Friedhof so ganz anders aussieht.

Der Alte erklärt ihm, dass jeder Mosaikstein für ein Lebensjahr steht. Jeder Bewohner des Dorfes bekommt von seiner Geburt an zu jedem Geburtstag eine bemalte Platte geschenkt und mit dem zwölften Geburtstag beginnt er fortan selbst damit sinnbildlich für das vergangene Lebensjahr eine Platte zu bemalen. Die Platten werden sorgsam aufbewahrt und am Lebensende von den Nachfahren zu einem Mosaik zusammengesetzt und auf die Grabplatte aufgelegt.
Wie aus den Wolken gefallen findet er sich ruckartig erwacht in seinem Bett wieder. Er hat Mühe in die Realität zurück zu finden, denn der Traum hält ihn noch fest.
Während er dem Traumerlebnis nachsinnt fällt es ihm plötzlich wie Schuppen von den Augen und er erkennt die Botschaft: Die Kunst besteht darin, das Leben als Ganzes zu betrachten, mit all seinen Höhen und Tiefen. Alles, ob schwer oder leicht ob dunkel oder hell hat seinen Platz im Lebensmosaik und im Zusammenspiel der Komponenten erschließt sich der Sinn Stück für Stück.

Lebensmosaik
Mein Leben
ist wie
ein Mosaik
mal wähle ich
mal nehme ich hin
was sich
Stück für Stück
zusammenfügt
Im Laufe
der Jahre
erkenne ich
immer deutlicher
die Schönheit
des einzigartigen
Musters



Die Zeit stand still

Rudolf (der Name ist verändert), war ein Kind das auffiel, man konnte ihn nicht übersehen oder überhören. In der Schule veranlasste sein Verhalten die Lehrer immer wieder zu Strafen und er machte sich dadurch auch bei den Mitschülern nicht beliebt. In früheren Zeiten hätte man ihn mit dem Zappelphilipp aus dem Buch vom Struwelpeter verglichen und heute würde man ein solches Kind wohl unter der Diagnose ADHS einordnen.

Rudolf und ich waren schon seit dem Kindergarten miteinander befreundet. Ich hielt zu ihm, denn schließlich sollte auch er nicht ohne Freund durchs Leben gehen.
Weil ich ihn auch zu Hause besuchte, bekam ich noch eine ganz andere Sicht auf seine Situation, denn ich erlebte, dass er dort ganz anders war. Er wirkte auf mich sehr eingeschüchtert und das schrieb ich der nach meinem Empfinden übersteigerten Strenge seiner Eltern zu.

Unser gemeinsamer Weg nahm nach vielen Jahren ein jähes Ende.

Niemals werde ich den Tag vergessen, an dem ich hautnah und unerbittlich mit der Endlichkeit des Lebens konfrontiert wurde.
Es war an einem Samstag und ich muss wohl 8 Jahre als gewesen sein.
Die Schulglocke hatte geklingelt und ich stürmte wie alle meine Mitschüler aus dem Klassensaal in den Flur hinaus. Munter lief ich zur Treppe hinunter als ich im Vorbeigehen einen Gesprächsfetzen der beiden Reinigungsfrauen aufschnappte, die im Flur standen und ihre Köpfe zusammensteckten. Die Wörter: Auto, Unfall, tot, waren wie eine blitzartige Vorwarnung, bevor sich mit der Nennung des Nachnamens meines Freundes die Gewissheit wie ein Pfeil durch mein Herz bohrte.
Als wenn mit einem Schlag die Zeit angehalten wurde blieb ich wie vom Donner gerührt auf der Treppe stehen und ließ den Klang der Stimmen in mir nachhallen, um dann ruckartig wieder in die Zeit zurück zu kommen und so schnell wie mich meine Beine trugen und ohne eine Pause einzulegen nach Hause zu rennen.

Mein Freund und ich wohnten nicht nur im selben Ort und besuchten die gleiche Kindergartengruppe, sondern hatten auch dieselbe Schulklasse besucht. Es gab zu unseren vielen Gemeinsamkeiten noch eine weitere: Wir teilten uns das selbe Geburtsdatum.
Durch diese Tatsache hinterließ Rudolfs Tod eine noch tiefere Prägung in meinem Leben, denn in den darauffolgenden Kindheitsjahren ließ mich die Frage nach dem Warum nicht los.
Das dumpfe Gefühl, dass ich es nicht verdiente weiter zu leben, hatte sich irgendwo in einem Winkel meiner Seele eingenistet.
Seit diesem Samstag Morgen war nichts mehr so wie zuvor.
Mein Leben glich einer Eisscholle, die in der Mitte entzwei gebrochen war, während ich auf dem einen Teil stehend zusehen musste, wie das Stück unbeschwerter Kindheit nun unablässig immer weiter von mir fort trieb. Ich blieb in der Realität einer neuen Welt zurück.

An dem Tag als der folgenschwere Unfall geschah, hatte ich meinen Freund noch kurz zuvor im Dorf getroffen. Ich war auf dem Weg nach Hause und plötzlich ertönte sein Rufen hinter mir.
Aus welchem Grund auch immer war ich genervt und hatte keine Lust stehen zu bleiben. Ich wollte meine Ruhe und versuchte ihn zu ignorieren. Er ließ aber nicht locker und so kam es, dass ich ihm nicht gerade freundlich begegnete. Einzelheiten unseres kurzen Gespräches weiß ich nicht mehr, nur dass ich im unwirsch zu verstehen gab, dass ich jetzt keine Zeit habe.
Ich habe noch Jahre später zutiefst bereut, dass unsere letzte Begegnung so unschön verlaufen war.

Das Leben hatte mir mit diesem Erlebnis eine nachhaltige Lektion erteilt:
Unsere Zeit ist begrenzt und wir wissen nicht, wann wir gehen müssen.
Hätte ich damals geahnt, dass ich Rudolf zum letzten Mal sehen würde, hätte ich ihn niemals so abblitzen lassen.
Ich kann nicht sagen wie oft ich an seinem Grab gestanden und ihn um Verzeihung gebeten habe.
In der Hoffnung, dass meine Bitte ihn erreicht hat, ließ ich irgendwann von diesem Ritual ab.

(Eine wahre Begebenheit aus meinem Leben.)

Das Tüpfelchen auf dem I

Er war winzig, mager und total unscheinbar, wie ein Strich der nur zufällig ohne jeden Sinn und Bedeutung auf das Papier gekritzelt wurde, durch einen ungeschickten Ausrutscher der Hand.
Diese Annahme wurde durch den abschätzigen Blick des Großen L erhärtet, das sehr hochnäsig von oben herab auf den Kleinen Dünnen blickte.
„Zieh Leine, ich kann dich nicht gebrauchen hier neben mir, ich will schließlich nicht ewig alleine bleiben! Mit dir kann das ja wohl nichts werden!“
Schon seit es denken konnte, wünschte sich das große L sehnlichst einmal mit anderen Buchstaben ein Wort zu bilden, aber es war sonnenklar, dass es ein besonderes sein müsse, welches eine herausragende Bedeutung hätte.
Durch den ärgerlichen Ausruf wurden zwei etwas gelangweilte kleine e‘ s aus ihrer Lethargie gerissen und drängelten sich neben den Kleinen Dünnen.
Sie linsten neugierig auf die Reaktion des Großen L‘ s. Dieses hingegen war so verdutzt durch die plötzliche und unerwartete Gesellschaft, dass es ein wenig vor Aufregung ins Schwanken geriet.
Fast wäre es umgekippt, wenn nicht in letzter Sekunde ein beherztes kleines b hilfsbereit zur Stelle gewesen wäre. Nachdem das Große L wieder gerade stand entschloss sich das kleine b zwischen den beiden e‘ s Platz zu nehmen.
Nun stand die zusammengewürfelte Gruppe etwas hilflos beieinander und wusste nicht so recht warum, wieso und weshalb sie sich getroffen hatten.
Diese Ratlosigkeit wurde jäh beendet, als ein kleiner pfiffiger Punkt geistesgegenwärtig exakt über dem Kleinen Dünnen seinen neuen Platz einnahm.
War er doch schon lange äußerst unzufrieden gewesen, sozusagen nur als Abstandshalter zwischen zwei Sätzen zu dienen. Er fühlte sich zu Höherem berufen. Nun hatte er die Gelegenheit beim Schopfe gepackt und die anderen Buchstaben staunten nicht schlecht, als sie bemerkten, dass sie nun tatsächlich vollständig waren.
Das Ergebnis war mehr als zufriedenstellend für alle.
Sie fühlten sich plötzlich ganz unwiderstehlich zueinander hingezogen und konnten einfach nicht mehr voneinander lassen.

 

Ein winziger Sonnenstrahl

Ein winziger Sonnenstrahl, einer von Abertausenden die stolz, zielgerichtet und voller Motivation ihre leuchtende Energie auf die Erde schickten, fühlte sich ziemlich überflüssig und nutzlos.
Wer brauchte ihn schon? Er fiel in der Riesenmenge überhaupt nicht auf, ob er strahlte oder nicht, machte doch keinen Unterschied!
Aber dann  kam seine große Chance: Ein trostloser nasskalter Tag im Mai. Die Sonne versteckte sich schaudernd hinter den dicken grauschwarzen Wolken.  „Jetzt „, dachte er, „jetzt gilt es!“, und er suchte beherzt nach einer kleinen Lücke. Sobald er sie entdeckte wagte er sich mutig hervor und schoß wie ein Pfeil nach unten auf die Erde. Vergnügt strahlte er in das erstaunte Gesicht eines Menschens der zuvor mit gesenktem Kopf und hängenden Schultern lustlos zur Arbeit geschlichen war. Nun hellte sich dessen Miene auf und er neigte seinen Kopf zum Himmel um die zarte Wärme zu genießen.
Plötzlich wurde dem winzig kleinen Sonnenstrahl bewusst, dass er sehr wohl wichtig und bedeutend war. Er begriff, dass ein Sonnenstrahl alleine zwar durchaus einen einzelnen Menschen für einen kurzen Augenblick erheitern konnte, aber wieviel mehr konnten alle Sonnenstrahlen gemeinsam bewirken?
Er erkannte nun, dass die gewaltige Kraft der Sonne nur dadurch zustande kam, dass Viele das gleiche Ziel verfolgten!
Und der Mensch, der durch den winzigen Sonnenstrahl unerwartet aus seiner Lethargie gerissen wurde, dachte bei sich:  „Es ist gut, darauf zu vertrauen, dass es immer wieder Lichtblicke geben wird, manchmal gerade dann wenn man sie am wenigsten erwartet!

Der Traum des Löwenzahnes

„Oh je oh je,wie fürchterlich, mein Kleid ist kaputt! Dieser dumme Wind hat ein Loch hinein gerissen, was soll ich bloß tun“, jammerte Leonie, die auf der kleinen Wiese am Dorfteich lebte.
Sie schaute verzweifelt umher und plötzlich blieb ihr vor Schrecken die Stimme weg.
Da hinten rechts am Rand der Wiese sah doch tatsächlich alles noch viel schlimmer aus.
Manche ihrer Blumenfreunde hatten ein viel größeres Loch zu beklagen und einige standen jetzt schutzlos und nackt da.
Sie hatte es freilich schon oft bei anderen Löwenzahnblumen beobachtet und wusste genau, was danach geschah, grausam war das, denn dann ging es einfach rapide bergab. Einmal seines Kleides beraubt, musste man wehrlos vertrocknen und schließlich verschwand man im Nichts, so als ob man niemals dagewesen wäre.
Leonie begann nun noch lauter zu weinen und davon wurde ein kleines zartgrünes Etwas unsanft aufgeweckt. Valerie war nämlich erschöpft von der Anstrengung, die es gekostet hatte um ihre ersten winzigen Blättchen durch die schwere Erde nach oben ans Licht zu strecken, ein wenig eingenickt.
Sie blinzelte und schaute sich verwirrt um, bis sie direkt in Leonies angsterfülltes Gesicht blickte.
Da erhob Valerie ihr leises Stimmchen und rief:
„ Hallo, du da oben, warum bist du so traurig?“
Etwas verdutzt hielt Leonie im Klagen inne und sprach entrüstet:
„Ja schau mich doch an, was fragst du denn so dumm? Ach, du bist halt noch klein und einfältig, hast keine Ahnung von der Tragödie des Lebens! Mein schönes Kleid ist zerrissen, und beim nächsten Wind, werde auch ich so schutz- und nutzlos herumstehen und kann nichts dagegen tun, dass ich schon bald verloren bin. Alles war umsonst, und dabei habe ich einmal so wunderbar geblüht. Eine Schönheit war ich, meine Blüte hat geleuchtet fast so hell wie die Sonne selbst. Meine Blüte habe ich dann mit diesem wundervollen Kugelkleid getauscht. Da habe ich zwar selbst nicht mehr geleuchtet, aber dafür konnten die Sonnenstrahlen durch mich hindurch strahlen und verliehen mir einen geheimnisvollen Glanz. Nun sind meine Tage gezählt und am Ende wird nichts von mir übrig bleiben. Wozu habe ich dann überhaupt gelebt, das hat doch alles keinen Sinn?“

Valerie schaute Leonie voller Mitgefühl an und sprach zu ihr:
„ Ich kann dir zwar dein schönes Kleid nicht mehr flicken, aber vielleicht kann ich dich aufmuntern, wenn ich dir von meinem wunderbaren Traum erzähle, aus dem ich durch dein Weinen erwacht bin?“
Sie wartet nicht ab, ob Leonie einwilligte, sie begann einfach zu erzählen:
„Ich habe geträumt, dass ich ein federleichtes Schirmchen bin. Mit unzähligen anderen kleinen Schirmchen wuchs ich ganz dicht zusammen. Plötzlich zauste uns ein frischer Wind und wir wurden durcheinander gewirbelt und hoch in die Luft erhoben. Ich tanzte im Wind und wurde weit fort getragen, bis ich schließlich auf der Erde landete. Da lag ich eine Weile bis es regnete und die Erde ganz nass und weich wurde, dann wurde es dunkel um mich. Es war als wenn ich schlafen würde. Eine Weile später begann ich mich zu recken und zu strecken und ich musste meine ganze Kraft zusammen nehmen, bis ich endlich aus der dunklen Erde heraus schauen konnte und sah, dass ich angekommen war, hier auf dieser Wiese, genau da wo ich jetzt auch stehe.“
Leonie hatte Valerie voller Staunen zugehört und dabei völlig vergessen, dass sie vor einer Minute noch tieftraurig gewesen war.
Sie schaute mit großen Augen um sich herum und betrachtete die vielen Blumengeschwister: Ganz kleine frisch grüne Pflänzchen wie Valerie standen neben voll erblühten leuchtend gelben sowie auch durchscheinend kugelförmige Löwenzahnblumen. Sie gewahrte nackte Blütenstängel neben bereits gänzlich vertrockneten kaum noch als ehemalige Blumen zu erkennenden Überresten. Dann schaute sie sich selber an, so wie sie sich noch niemals wahrgenommen hatte und entdeckte, dass ihr Kleid aus unzähligen Schirmchen zusammengesetzt war, und fühlte sich plötzlich auf seltsame Weise leicht und befreit. Ein leises Sehnen ergriff sie und in ihr wurde eine zaghafte Ahnung geweckt, dass Valeries Traum viel mehr als nur ein Traum ist.

Euch allen wünsche ich ein froh machendes Osterfest.

Das Osterhuhn

Im Garten hinter dem Apfelbaum wohnte in einem verfallenen Schuppen eine Familie Hühner.
Sie lebten schon lange in beschaulicher Eintracht dort und waren eine eingeschworene Gemeinschaft. Der Friede sollte eines Tages gestört werden, als von den Menschen unwillkürlich ein neues Huhn einquartiert wurde. Alle waren sich sofort darüber einig, dass dieser unliebsame Eindringling nur Scherereien mit sich bringen würde, der Platz würde weniger und die Körnerportion würde kleiner werden, das lag doch auf der (Hand) Kralle.
So würdigten sie Aurelia keines Blickes mehr und ließen es nur sehr ungern zu, dass sie auf der Hühnerstange Platz nahm.
Gemeinschaftlich verbündeten sie sich gegen den unliebsamen Gast indem sie alle enger zusammen und insgesamt ein Stück weiter nach rechts rückten, Aurelia ließen sie dabei einfach links (liegen) sitzen.
Seit ihrem Einzug waren nun gerade mal zwei Tage vergangen und das Osterfest stand vor der Tür, als in die eingefleischte Hühnergesellschaft eine gewaltige Bewegung kam.
Henriette,das älteste Huhn, hatte das Wunder als Erste entdeckt.
Fassungslos blieb sie wie angewurzelt stehen, als sie das Ei erblickte, welches Aurelia gelegt hatte.
Es war und blieb auch bei genauerem Hinsehen tatsächlich grün.
Das hatte es noch nie gegeben, alle Eier die Henriette je zu Gesicht bekommen hatte waren makellos weiß, mit Ausnahme der Ostereier.
Diese wurden allerdings eigenhändig von den Menschen jedes Jahr gefärbt und in die Osternester gelegt, die sie für die Kinder im Garten versteckten.
Als Henriette sich aus ihrer Schockstarre lösen konnte, verfiel sie sofort in ein aufgeregtes Geschnatter und lockte damit alle Mitglieder der Hühnerfamilie herbei. Diese stimmten augenblicklich in das Geschnatter mit ein.
Es dauerte auch nicht lange bis die Stalltür sich öffnete und ein Mensch in den Stall hereinschaute, um den Grund des Tumultes auszumachen.
Auch er staunte nicht schlecht und rief erfreut: „Das ist ja phantastisch, da brauchen wir nun gar nicht mehr alle Eier selber färben, unser neues Huhn hilft uns dabei!“
Nun war es offensichtlich, es lag ganz klar auf der Hand, dass Aurelia ein ganz besonderes Huhn war und sie verschaffte sich mit ihrer außerordentlichen Begabung gehörigen Respekt bei den anderen Hühnern.
Sie wurde nun keinesfalls mehr gemieden sondern fast ehrfürchtig in der Mitte der Sitzstange platziert und jedes Huhn bestand darauf, auch einmal direkt neben Aurelia zu sitzen, deshalb wechselten sie sich nun tagtäglich damit ab.
Von den Menschen wurde Aurelia fortan nur noch.“Unser Osterhuhn“ genannt.

Felix – Der Glückliche

Als Felix an diesem Morgen seinen rechten Arm widerstrebend aus der ihn wohlig wärmenden Bettdecke herausstreckte um den aufdringlichen Wecker mit einem beherzten Schlag zum Schweigen zu bringen, schien es ein ganz normaler Tag zu werden.
Sein erster Gang führte ihn wie gewöhnlich in die Küche.
Der Griff zur Schranktür um die Filtertüte und das Kaffeepulver herauszuholen war zur liebgewordene Routine geworden.
Felix blieb seinen Traditionen gerne treu, er war kein Freund von diesen herzlosen Kaffeevollautomaten, nein er liebte es, dem Gluggern des sich langsam erhitzenden Wassers zu zuhören, während er im Bad seine Zähne putzte.
Wie stets an seinen arbeitsfreien Tagen setzte er sich auch heute mit einer Tasse Kaffee an den Küchentisch und blätterte in einer Illustrierten.
Jetzt blieb sein Blick an der Überschrift einer Werbeanzeige hängen:
„Lässt das Glück auf sich warten?“
Es folgte eine Werbung für den Kauf von Lotterielosen, aber Felix las nicht weiter.
Diese Frage traf ihn mitten ins Herz, er fühlte sich ganz persönlich angesprochen.
Lässt das Glück auf sich warten?
Was für eine merkwürdige Frage?
Während er darüber nachdachte kamen immer weitere Fragen in ihm auf, so als wenn er einer Pflanze, die zahlreiche Ableger bildet, im Zeitraffer beim Wachstum zusehen könnte.
Wartet das Glück auf mich?
Warte ich auf das Glück?
Was ist Glück?
Wo kann ich es finden?
Kann ich das Glück überhaupt finden oder kann nur das Glück mich finden?
Eine ganze Weile schwirrten diese Fragen in Felix Kopf herum und es wurde ihm staunend bewusst, dass er sich noch niemals zuvor Gedanken darüber gemacht hatte.
Seltsam berührt kam ihm jetzt in den Sinn, dass sein Name aus dem Lateinischen kommt und „ Der Glückliche“ bedeutet.
Dann müsste das Glück ja bereits bei ihm sein?
Ich bin Felix der Glückliche, bin ich denn wirklich glücklich?
Nach einer Weile bemerkte er, dass er eigentlich viel besser wusste,
was er nicht war, was er nicht hatte, was er nicht mochte, welche Träume sich nicht erfüllt hatten.
Im Moment war er auf jeden Fall nicht unglücklich, aber glücklich war er eigentlich auch nicht, denn es gab doch so Einiges, was ihm zum perfekten Glück fehlte.
Zum Beispiel eine größere Wohnung, wo er sich ein Hobbyzimmer einrichten könnte, einen besseren Verdienst, damit er sich endlich mal ein neues Auto leisten konnte und eine Frau an seiner Seite fehlte ihm schon lange. Sein Wohnort gefiel ihm auch nicht wirklich, zu viel Industrie rundherum, er würde viel lieber idyllisch im Grünen wohnen.
In seinen Aufzählungen darüber, was er denn nun noch alles entbehrte, um glücklich zu sein, wurde er von einem Blitzgedanken jäh unterbrochen.
Was wäre denn, wenn nun eine gute Fee kommen würde und ihm jetzt auf der Stelle alle diese Wünsche auf einen Schlag erfüllen würde, wäre er dann glücklich?
Ihm wurde ziemlich schnell klar, dass er ganz sicher zufriedener wäre, zumindest für dem Augenblick, aber glücklich?
Um glücklich zu sein, musste da nicht alles dauerhaft gut laufen, also etwa als wenn er ein Abo gewonnen hätte, für einen endlosen „Friede Freude Eierkuchenzustand“, natürlich mit sofortigem Upgrade sobald etwas zum perfekten Glück fehlte, also sozusagen ein unerschöpflicher Vorrat an Urlaub, Geld, tollen Frauen, schicken Autos, neuen Häusern in attraktiven Wohngegenden und weißt du was nicht alles?
Wäre dieses Abo die Eintrittstür zum Glück?
Je länger er sich diesen Zustand vorzustellen versuchte, desto weniger begehrenswert erschien er ihm.
Wenn er immer sofort bekäme, was ihm gerade zu fehlen schien, dann würde wohl die Selbstverständlichkeit sehr bald das Glücksgefühl aufgefressen haben.
Er resümierte: Wenn man alles hatte was man wollte, machte das auch nicht glücklich.
Aus dieser Erkenntnis schloss er, dass das Glück sich wohl irgendwo zwischen all den unerfüllten Wünschen und geplatzten Träumen versteckt halten müsse.
Plötzlich fiel es ihm wie Schuppen von den Augen.
Zwischen den unerfüllten Wünschen und geplatzten Träumen da war er ja bereits angekommen.
Das war doch genau hier, mitten in seinem Leben.
Da stand er, Felix der Glückliche, direkt neben dem Glück und hatte es nicht bemerkt.