Herbst

„He“, sagte der Herbst mit entrüsteter Stimme, „nun geh mal zur Seite! Du hast dich lange genug vor gedrängelt. Eigentlich bin ich schon längst an der Reihe“.
In den letzten Tagen hatte sich der Ärger in ihm immer mehr zusammengebraut und er hatte sich nun dazu entschlossen endlich sein Recht nachdrücklich einzufordern. Jetzt war die Zeit gekommen und er teilte mit seiner Rechten einen beherzten Knuff aus und blies dem Sommer seinen nebligen Atem ins Gesicht, so dass dieser verwirrt zur Seite hüpfte und sich überrumpelt davon trollte.

 

Löwenzahn im Herbst

Wie viele Samen werden noch aufgehen
und wie lange bleibt dann Zeit zum Blühen?
Hat das Wachsen und Reifen jetzt noch einen Sinn?
Findet sich ein schützender Unterschlupf bis zum Frühling?
Überdauert die Lebenskraft  den langen Winter?

Während ich so schauend sinne, wächst in mir die Frage nach dem eigenen Leben:
Habe ich all meine Gaben genutzt
anstatt mich resignierend abzufinden
mit dem Glauben an die Macht der Unzulänglichkeiten?
Und was bleibt von mir, wenn die Zeit des Herbstes überschritten?

Das stolze Blatt das nicht fallen wollte

Das stolze Blatt das nicht fallen wollte

Es war einmal ein stolzes Blatt, das wohnte an einem Ahornbaum, der im Feld nahe am Rande eines großen Waldes stand.
Es gehörte zu den größten und kräftigsten Blättern seines Baumes und deshalb war es an einem neblig kühlen Novembertag eines der letzten Blätter, die sich am Baum noch halten konnten.
Schon seit Tagen hatte das stolze Blatt beobachtet, wie ein um das andere Blatt sich vom Baum löste und nach unten auf die Erde fiel.
„He“, rief es den restlichen Blattgeschwistern zu, „ich werde mich bestimmt nicht fallen lassen. Ich bin doch kein Schwächling und werde ganz sicher nicht so jämmerlich da unten im Matsch liegen und mich zertreten lassen“.
Dann kam der Tag an dem auch das letzte der andern Blätter sanft zur Erde schwebte und schließlich auf dem bunten Blätterteppich, der sich um den Baum herum gebildet hatte, liegen blieb.
„Ha, ich habe es geschafft“, triumphierte das stolze Blatt. „Wusste ich es doch, dass ich das stärkste Blatt am ganzen Baum bin“.
Es war ziemlich zufrieden und blickte voller Siegeslaune um sich herum und stellte dabei fest, dass sich auch auf den benachbarten Bäumen, soweit es schauen konnte, kein einziges Blatt mehr gehalten hatte.
Nach einer ganzen Weile wurde dem stolzen Blatt dann doch etwas seltsam zumute, denn es bemerkte, dass es nun ziemlich einsam war. Niemand war mehr da, der seine Überlegenheit bewundern konnte.
„Hallo Baum, siehst du mich? Ich bin dein letztes Blatt. Alle anderen haben dich verlassen.
Du bist doch sicher sehr froh, dass du nicht ganz alleine bist? Also ich lasse dich ganz bestimmt nicht im Stich. Sie nur wie stark ich bin, ich halte zu die, komme was wolle“.
Der Baum sah sehr nachdenklich auf sein letztes Blatt, dass sich so eigensinnig und verbissen an ihm festklammerte.
„Weißt du“, raunte er mit seiner warmherzigen Stimme, „ich bin niemals alleine , denn meine Wurzeln und meine Äste sind in Verbindung mit Himmel und Erde .
Alle meine Blätter bleiben mit mir verbunden, auch wenn sie meine Zeige verlassen haben.
Solange sie an meinen Zweigen hängen, speisen sie mich mit ihre grünen Kraft, wenn ich mich satt daran gegessen habe, schlüpfen sie in ihr buntes Kleid. Bald ist dann die Zeit gekommen und sie lösen sich von meinen Zweigen um sich mit der Erde zu verbinden.
Der Erdboden ist meine Heimat, er gibt meinen Wurzeln Halt und ebenso die Kraft, die ich zum Leben benötige. Ich brauche Beides, die grüne Kraft der Blätter und die gute Erdkraft und so können dann im Frühjahr wieder neue grüne Blätter aus mir wachsen“.
Das stolze Blatt hatte die ganz Zeit sehr aufmerksam zugehört und mit jedem Wort, welches der Baum zu ihm sprach, wuchs in ihm ein Vertrauen, das stärker war als aller Eigensinn und es ließ sich schließlich vertrauensvoll und sanft fallen, mit der hoffnungsvollen Ahnung, dass es eingebunden sei in den ewigen Kreislauf des Lebens.


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Das Leben kann nicht sterben

Das Leben kann nicht sterben

Sind die Bäume eigentlich traurig, wenn sie alle ihre Blätter verlieren?“, fragte Miriam ihren Großvater.

Sie waren an diesem Tag im Wald unterwegs.

Die Novembersonne ließ die letzten bunten Blätter, die sich noch an den Zweigen festhielten, zart aufleuchten.

Der Waldboden war wie mit einem dicken Farbteppich bedeckt.

Großvater Valentin schmunzelte und antwortete: „Ich glaube nicht, dass sie trauern, denn sie bekommen doch im Frühjahr ein ganz frisches Blätterkleid“.

Aber wäre es nicht schöner, wenn sie ihr hübsches buntes Kleid behalten könnten?“
„Nun, dann würden sie aber nicht mehr gesund und kräftig wachsen können, denn die Blätter enthalten Nahrung für die Bäume.

Der Baum saugt sich, so ähnlich wie du mit einem Trinkhalm dein Glas leer trinkst, den grünen Nährstoff aus den Blättern.

Wenn die Nahrung aufgebraucht ist, dann verlieren die Blätter ihre grüne Farbe und verfärben sich, bis sie schließlich vom Baum abfallen, um Platz zu machen für die neuen Blätter.“, erwiderte der Opa.

Wenn alle Nahrung aufgebraucht ist, und erst im Frühjahr wieder neue Blätter wachsen, dann hat der Baum aber sicher ganz doll Hunger? Oder macht er einen Winterschlaf wie manche Tiere?“

Ja, so ähnlich, erwiderte der Großvater, er legt eine Ruhepause ein.“

Miriam und Valentin gingen nun eine ganze Weile schweigend nebeneinander her.

Miriam war sehr nachdenklich.

Schließlich sagte sie bedächtig: „Ich habe im Frühling, als wir mit der Schule den Ausflug in den Wald gemacht haben, an einer Stelle viele Baumstümpfe gesehen.

Unser Lehrerin hat gesagt, dass die Bäume ganz alt waren und vom Wind um gepustet wurden, weil sie keine Kraft mehr hatten. Sie sagte, dass sie jetzt tot seien.

Aber ich kann das nicht glauben, dass sie wirklich tot sind, denn ich habe gesehen, dass an einem Baumstumpf ein ganz kleines Zweiglein gewachsen ist, das hatte winzige frische grüne Blättchen. Es sah aus wie ein Minibäumchen.

Deshalb glaube ich, dass die Baumstümpfe im Geheimen noch ein kleines bisschen Leben in sich haben, und das wächst dann wieder aus ihnen heraus.

Ja, das hast du sehr schön beobachtet, bemerkte der Großvater.

Plötzlich wurde Miriam ganz aufgeregt: „Ach ja, und bei dem Löwenzahn ist das doch auch so!“

Du hast es mir schon einmal erklärt: Wenn er verblüht ist schickt er seine Samenkörner auf die Reise und dort wo die kleinen Schirmchen landen, da wachsen neue Löwenzahnblumen.“

Ja, so ist es.Das Leben geht immer weiter, das kannst du überall in der Natur beobachten, bemerkte Valentin.

Miriam ließ die Worte des Großvaters in sich nachklingen, so wie es ihre Art war.

Nach einer kleinen Weile stellte sie mit leiser Stimme eine Frage, deren Antwort Miriam eigentlich schon in ihrem Herzen mit sich trug:

Haben wir Menschen auch so ein kleines Samenkorn in uns versteckt? “

Valentin antwortete: „Es heißt bei uns nicht Samenkorn, sondern Seele.

Wir können unsere Seele nicht sehen, aber du kannst sie Dir wie ein Samenkorn vorstellen, das am Ende unseres Lebens hier auf der Erde, ähnlich wie das Schirmchen des Löwenzahns, weiterfliegt, bis es zu neuem Leben erweckt wird.“

Miriam nickte zustimmend mit dem Kopf und sprach:

Dann sind die Menschen die gestorben sind auch nicht wirklich tot.

Sie haben im Geheimen noch Leben in sich, dass weiter wachsen kann, so wie die kleinen neuen Bäumchen auf den Baumstümpfen.
Das Leben kann nicht sterben!“

Die schönste Jahreszeit ist JETZT

Die schönste Jahreszeit ist Jetzt

Herr Meyer schlurfte betrübt und mit gesenktem Blick durch den Stadtpark. Es war wieder einer dieser tristen und nasskalten Herbsttage, an denen er sich so leer und kraftlos fühlte, als sei alle Helligkeit und Wärme auf einer endlosen Urlaubsreise fern von, ihm in einem fremden Land.

Miriam war an diesem Nachmittag ebenfalls in den Stadtpark gegangen, weil sie sich mit einer Freundin zum Spielen dort treffen wollte.

Herr Meyer stoppte seine bleischweren Schritte, als er Miriam erblickte, die vor Freude und Übermut tanzte und geradewegs auf ihn zu wirbelte.
Sie kam direkt vor ihm zum Stillstand, und als er verwundert in ihr rotwangiges Gesicht mit den leuchtenden Augen blickte, fragte sie ihn ganz spontan und ohne Scheu: „ Warum siehst du denn so traurig aus?“

Herr Meyer gehörte nicht zu der Art von Menschen, die ohne Weiteres schnell Vertrauen fassten und ihr Inneres nach außen kehrten, aber das offene Wesen dieses Mädchens bewirkte, dass seine Worte wie von selber aus ihm heraus flossen. Er erzählte von seiner Frau, die vor einigen Jahren gestorben sei, und dass er sich seither unendlich alleine und nutzlos fühlte. Gerade jetzt im Herbst wäre es für ihn besonders schwer, weil sich dann immer ein grauer Mantel um seine Seele legte.

Miriam hörte schweigend und aufmerksam zu, und als seine Worte verstummten, fragte sie wieder auf ihre kindlich naive Art: „ Warum ist es denn jetzt im Herbst besonders schlimm?“

Ach klagte der alte Mann: „ Am Morgen zieht sich schon ein Nebelschleier über die Landschaft und verwandelt alles grau in grau.
Die Bäume werden jeden Tag kahler und alle Blumen verblühen bis bald alles starr und tot ist.“

Miriam erwiderte daraufhin: „Ich sehe es ganz anders als du: „Morgens wenn sich die Nebel wie ein zartes Gewand über die Wiesen und Felder legen, dann wird die Welt zu einer Märchenlandschaft, geheimnisvoll und verträumt. Die Bäume ziehen jetzt ihr buntes Kleid an, an jedem Tag kann ich neue wundervolle Farben entdecken, und wenn sie dann nach und nach ihre Blätter abwerfen, dann tanzen diese so lustig im Wind, dass ich einfach mit tanzen muss. Der bunte Teppich auf dem Boden wird immer dichter und weicher. Wenn dann schließlich alle Blumen verblüht sind, und die Bäume keine Blätter mehr tragen, dann kommt sehr bald die Zeit der Stille. Wie wundervoll und zauberhaft erscheint die Welt, wenn der weiße flauschige Schnee alles verhüllt hat. Klar und rein ist die Luft und einzigartig still und ruhig ist die Stimmung. Glitzerfunken sprühen dann auf der weißen Schneedecke.“

Herr Meyer lauschte fassungslos den Worten des Mädchens und bemerkte schließlich: „Du erzählst ja gerade so begeistert, als wenn der Herbst und der Winter die schönsten Jahreszeiten wären, die es gibt.“

„Nein, so ist es nicht“, erwiderte Miriam. „Für mich ist jede Jahreszeit die schönste Zeit. Jeder Monat ist der schönste Monat und jeder Tag der schönste Tag.“

Aber woher nimmst du diese Fröhlichkeit, ich kann davon nichts in mir spüren?“

Ich verrate dir mal ein Geheimnis, sagte sie lächelnd. Mein Opa Valentin hat es mir verraten:
Jeder Mensch hat zwei Herzen: Ein Körperherz und ein Seelenherz. Wenn du dein Seelenherz ganz weit öffnest, dann öffnen sich auch die Augen der Seele und durch diese Augen kannst du die Welt in einem anderen Licht sehen. Aber das geschieht nur, wenn du wirklich lebendig bist!“

„Was bedeutet: Wirklich lebendig sein?“, fragte Herr Meyer sehr verwundert.

Die meisten Menschen leben nicht wirklich, sondern sie wandern ruhelos mit ihren Gedanken zwischen Vergangenheit und Zukunft hin-und her.
Das Leben ist immer nur hier und jetzt, gerade in diesem Augenblick.

Sobald du dich mit deinen Gedanken wegtragen lässt, bist du nicht mehr hier.
Aber nur hier sind deine Augen der Seele geöffnet.“ , erklärte Miriam ihm.

Und du meinst ich kann das noch lernen, so alt wie ich bin, meine Augen der Seele zu öffnen?“

Das musst du nicht lernen“, erwiderte Miriam schmunzelnd. „Sie sind doch schon längst offen, du brauchst nur hindurch zu sehen!“

In diesem Moment fiel ein leuchtend gelb-orangefarbenes Blatt gerade vor die Füße des alten Mannes.
Die Sonnenstrahlen erleuchteten die zarten Blattadern und ließen ein filigranes Muster erscheinen.

Herr Meyer verzog seinen Mund zu einem winzigen Schmunzeln, und sagte bedächtig: „Ich glaube ich verstehe jetzt, was du mir sagen möchtest.“
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