Mein Garten des neuen Jahres

In meinem Garten des neuen Jahres wachsen 52 Wochen mit 365 Tagen.
Ich bin der Gärtner und habe die Verantwortung für 8.760 Stunden mit 525.600 Minuten.

Am 31. Dezember 2018
um 23.59 Uhr wird sie dann angebrochen sein, die letzte Minute des Jahres.

Dann werden sie wieder akribisch gezählt, die letzten 60 Sekunden.
Erst jetzt fallen sie ins Gewicht, diese Winzlinge die das ganze Jahr über nicht beachtet werden.
Und doch würde ohne  sie nicht eine einzige Minute zustande kommen.

Wenn der 31. Dezember 2018 ins Land zieht, werden sie wieder laut, die Stimmen der Kritiker und Zyniker, der Lamentierer und Nörgler,der Schwarzmaler und Besserwisser und dabei wurden sie alle, jeder Einzelne von ihnen, am Anfang des Jahres überreich beschenkt mit 31.536.000 Sekunden.

Jede Sekunde ist wie ein Samenkorn das darauf wartet eingepflanzt und gehegt und gepflegt zu werden.
Aus ihnen wächst das, was am Ende des Jahres wie eine Ernte vor uns liegt.
Ob wir dann schimpfen und jammern oder dankbar sind liegt in unserer Hand.

In der Mitte der Zeit

In der Mitte der Zeit

Die Spannung wurde von Sekunde zu Sekunde größer. Jetzt würde es nicht mehr lange dauern bis endlich der Startschuss fiel. Alle Tage des kommenden neuen Jahres hatten sich an der Startlinie versammelt und drängelten, zupften und stupsten sich gegenseitig um den besten Platz zu erhaschen.
Da entbrannte in der letzten Reihe ein eifriges Wortgefecht. Eine ganze Horde von Tagen stritt sich darum, wer der letzte Tag sein durfte. Es gab ein wildes Gerangel und endlich hatten alle Tage erschöpft und völlig außer Atem ihren Platz eingenommen.
Eine uralte Eiche, die schon unzählig viele Jahre an der Pforte der Zeit stand, hatte wieder einmal diesem hektischen Treiben zugesehen und fragte:
„Warum um alles in der Welt habt ihr euch um eure Plätze gestritten? Jedes Mal, wenn das Ende des alten Jahres naht ist es das selbe Spiel. Ihr seid doch alle gleich, warum sollte ein Tag wichtiger oder besser als der andere sein?“
„Das liegt doch klar auf der Hand“, ließ sich der Tag, dem es gelungen war die begehrte Position zu ergattern mit stolz geschwellter Brust vernehmen : „Weil die Menschen die meisten Tage des Jahres nicht sonderlich beachten, aber am letzten Tag des Jahres sind sie hellwach! Viele jammern, dass nun das alte Jahr schon fast vorbei ist und wollen am liebsten die Zeit anhalten. Die anderen können es gar nicht abwarten, bis das neue Jahr endlich beginnt, denn sie hoffen darauf das alles besser wird. Also liegt ihre ganze Aufmerksamkeit auf diesem letzten Tag und dadurch wird er so bedeutsam“.
Als die Antwort verklungen war ertönte ein kleines glockenhelles Stimmchen und triumphierte: „Ich bin die allerletzte Sekunde im Jahresreigen und meinen Brüdern und Schwestern, den letzten Sekunden des alten Jahres, gebührt wohl unumstritten eine besondere Ehre, denn keiner von euch ist dem neuen Jahr so nah wie wir. Auf mir liegt indes die allergrößte Aufmerksamkeit, denn mein Nachklang ist gewaltig: Glitzernd, prickelnd und knallend!“
Eine Weile war es still geworden bis das kecke Kichern eines munteren Sekündchens irgendwo aus der Mitte der Zeit erklang:
„Was würdet ihr alle, die ihr euch so wichtig nehmt nur tun, wenn ich mich einfach aus dem Staub machen würde? Da gäbe es aber ein gewaltiges Durcheinander und ohne mich würdet ihr alle bedeutungslos, denn keiner wüsste an welchem Platz er steht und das Jahr könnte kein Anfang und kein Ende finden, wenn ich fehlen würde!“

Licht im Herzen – Der Weg der Könige

Manchmal ist dein Weg unübersichtlich,
Manchmal gehst du Umwege
Manchmal ist dein Ziel nicht erkennbar.

So ist es auch uns ergangen,
als wie uns auf den Weg machten.
Wir hatten keine sichere Wegbeschreibung in unseren Taschen,
nur unser  Vertrauen darauf,
dass der Stern uns  leitet.
Manchmal ist es auch für dich Zeit
bedingungslos zu vertrauen.

Du brauchst auf
deinem Weg, der im Dunkeln liegt
nur das Licht,
das in deinem Herzen leuchtet.

(C) Beate Neufeld
11.10.2017

Löwenzahn im Herbst

Wie viele Samen werden noch aufgehen
und wie lange bleibt dann Zeit zum Blühen?
Hat das Wachsen und Reifen jetzt noch einen Sinn?
Findet sich ein schützender Unterschlupf bis zum Frühling?
Überdauert die Lebenskraft  den langen Winter?

Während ich so schauend sinne, wächst in mir die Frage nach dem eigenen Leben:
Habe ich all meine Gaben genutzt
anstatt mich resignierend abzufinden
mit dem Glauben an die Macht der Unzulänglichkeiten?
Und was bleibt von mir, wenn die Zeit des Herbstes überschritten?

Ungetragen

Sie stand vor dem geöffneten Kleiderschrank. Ihre Blick streifte aufmerksam über den Inhalt der nun wie ein geöffnetes Buch vor ihr lag und von einem vergangenen Leben erzählte. Behutsam strich sie mit ihrer Hand von rechts nach links entlang der Kleidungsstücke die fein säuberlich aufgereiht auf ihren Bügeln hingen.
“ Kind wie läufst du denn schon wieder herum, was sollen den bloß die Leute denken? Der erste Eindruck zählt und dabei ist eine angemessene Kleidung enorm wichtig!“ Tante Irmtrauds Stimme klang noch immer in ihr nach.
Sie selbst wählte ihr Kleidung ganz nach Lust und Laune aus und so war sie nach Ansicht ihrer Tante eigentlich fast nie passend angezogen.
„Du kannst doch nicht dein bestes Kleid an einem Tag wie heute anziehen, das ist doch ein Festtagkleid!“
Sie stand noch immer vor dem Schrank und zog nun von rechts nach links einzelne Bügel heraus um sich die Kleider näher anzuschauen. Jedes Teil weckte in ihr eine Erinnerung, und sie sah die Tante darin wie sie zum Beispiel in der Küche kochte oder im Garten arbeitete.
Als ihre Hand fast die gesamte Reihe abgegriffen hatte, zog sie ein Kleid heraus, welches sie noch nie gesehen hatte. Es war noch völlig ungetragen, und war noch mit dem Preisettikett versehen. Es war wunderschön, ein wahres Prachtstück. Aber es war offensichtlich niemals „zum Einsatz“ gekommen. Nicht nur durch die Tatsache, dass es neuwertig war, ließ es sich von den anderen Teilen unterscheiden, sondern auch dadurch, dass es als einziges Exemplar unter lauter Alltagskleidern die Bezeichnung „Festtagskleid“ verdient hatte.
Sie betrachtete das jungfräuliche Kleid in ihren Händen und ihr wurde klar, dass dies ein Symbol war für alle ungelebten Träume ihrer Tante, die unter dem Vorwand des Pflichtbewusstseins im hintersten Winkel des Herzens vergraben wurden. In Tante Irmtrauds Leben hatte es  keinen Platz für Feste, Leichtigkeit und Lebenslust gegeben.
„Erst die Arbeit, dann das Spiel!“, war ihr Wahlspruch und Arbeit gab es immer.
Betroffen hängte sie das Kleid wieder an seinen Platz.
Als sie den Schrank geschlossen hatte, hatte, nahm sie eine Frage in ihrem Herzen mit: Welche Kleider habe ich in den hintersten Winkel verschlossen die darauf warten von mir ins Leben getragen zu werden?

Das Licht einfangen

Lebenskraft
Liebesfunken

Das Licht einfangen
überall wo du es wahrnimmst.

Das Licht auftanken
überall wo es dich erreicht.

Vielleicht ist es das Wichtigste
was wir im Leben lernen können:

Nicht nachlassen
uns nach dem Licht auszurichten.

Nicht aufhören
nach dem Licht zu suchen.

Es lässt sich finden
Selbst die Nacht ist nicht ohne Licht.

(C) Beate Neufeld
13.06.2017

Das Glück

Das Glück

Es war einfach unglaublich,
da hatte das Glück tage- und wochenlang
damit zugebracht,
hinter ihr herzulaufen,
sie zu umgarnen,
ja sogar sich ihr in den Weg zu stellen,
nur damit sie endlich das Glück entdecken würde.
Aber sie war einfach schneller,
ließ sich nicht halten
und lief im Zickzackkurs gekonnt um das
Glück herum,
als ob sie eine neue sportliche Disziplin
erfunden hätte.
Sie war geübt und so ausdauernd trainiert,
dass das Glück schließlich völlig entkräftet aufgeben musste.
Es blieb einfach am Rand des Weges liegen,
und da liegt es immer noch,
denn es hatte beschlossen,
sich niemals mehr gewaltsam aufzudrängen.
Fortan wollte es nur noch freiwillig gefunden werden.
Wenn du es entdecken möchtest,
dann sei gewiss,
dass es geduldig wartet
und sich von dir finden lässt.

Das Glück hat tausend mal tausend Gesichter.
Manchmal entdeckte ich es in einem lachenden Kindergesicht, zuweilen auch in einer leuchtenden Blume im Feld.
Ich konnte es in der Melodie des Windes hören
und in der salzigen Meeresluft schmecken.
Vielleicht legt es sich dir als moosiger Waldweg unter die Füße
oder begegnet dir in einem ehrlichen Wort aus Freundesmund?
Wenn du es gefunden hast, dann wirst du wissen, wie es aussieht,
aber nur für diesen Augenblick und für dieses eine Mal.
Es lässt sich nicht halten und wird sich schon bald ein neues Gewand anlegen.
Das Glück hat tausend mal tausend Kleider.

Glücksmomentesammler

Das Geschenk des Augenblickes ist ein Stück Himmel mit einer Lücke in den Wolken, die groß genug ist um mir ein Sonnenbad zu gewähren.

Das Wetter rundherum, ob vorher oder nachher ist mir völlig gleichgültig, denn ich bin ein Glücksmomentesammler.

Das Geschenk des Augenblickes sind zwei Hundepfoten, die sich auf meine Knie stellen, um mir zu zeigen, dass es Zeit für eine Schmuserunde ist.

Mein Stimmungsbarometer rundherum, ob vorher oder nachher ist mir ganz unwichtig, denn ich bin ein Glücksmomentesammler.

(C) Beate Neufeld
29.04.2017