Endlich Feierabend

Endlich Feierabend
(nach einer wahren Begebenheit)

Endlich Feierabend! Jetzt nur schnell nach Hause, dachte er und sah sich im Geiste schon total entspannt bei einer duftenden Tasse Tee mit seinem Lieblingsbuch auf dem Sofa herumfläzen. Er ging beschwingten Schrittes Richtung Parkplatz, wo er sich jeden Abend nach getaner Arbeit mit seiner Freundin traf, um mit ihr gemeinsam nach Hause zu fahren.
Lotta war heute zuerst beim Auto und er sah schon von Weitem, dass etwas nicht stimmte. Sie trippelte nervös hin und her und als sie ihn erblickte, rang sie verzweifelt mit den Armen. Er musste nicht warten, bis er bei ihr angekommen war, sondern erfuhr bereits auf halbem Wege den ihm von ihr mit erhobener Stimme entgegengeschmetterten Grund der Aufregung: Er hatte am Morgen den Autoschlüssel versehentlich im Auto stecken lassen. Zum großen Glück war Lotta trotz ihres etwas aufbrausenden Naturells stets pragmatisch und lösungsorientiert. Deshalb war schnell klar, was Gregor jetzt zu tun hatte. Sie schickte ihn zum nahegelegenen Blumengeschäft um die Ecke, um Blumendraht zu kaufen, denn es war ja schließlich kein Geheimnis, dass schon mancher Autodieb mit diesem simplen Mittel zum Erfolg gekommen war.
Im blieb weder Zeit noch Kraft für Einspruch und so schlenderte er mit gesenktem Haupt von dannen. Ihn ihm regte sich sofort ein mulmiges Gefühl und er war sich darüber im Klaren, dass er sich mit seiner Bitte nach Blumendraht höchst verdächtig machen würde. Was konnte man auch anderes denken, als dass er sich an einem fremden Auto zu schaffen machen wollte; er sah schließlich nicht wie ein verkapptes Floristikgenie aus! Zudem war er auch nicht mit schauspielerischem Talent gesegnet, das ihm jetzt geholfen hätte, selbstsicher und unbedarft zu wirken. Nun, es war also abzusehen, dass dieser Einkauf nicht reibungslos vonstatten gehen würde.
Er betrat mit bleischweren Schritten und hängenden Schultern das Geschäft. Ein winziger Augenblick blieb ihm noch, um sich selbst verzweifelt Mut zuzusprechen, denn die Kundin vor ihm war noch nicht ganz fertig. Dann war es soweit, die freundliche Verkäuferin fragte ihn nach seinem Wunsch. „Eine Rolle Blumendraht bitte“, sprach er mit dünner, zittriger Stimme.
Sie schaute ihn sogleich mitleidig an und fragte: „Sie möchten also Blumendraht?“ Die Last des zugegebenermaßen vollkommen berechtigten Verdachtes, den er auf sich zog, legte sich unterdessen als Kloß auf seine Stimmbänder. Kein Wort bekam er mehr heraus. Sein Schweigen, gepaart mit der gekrümmten Körperhaltung, erweckte bei der Verkäuferin jähes Mitleid und sie fragte ihn, ob er mit dem Blumendraht einen Kranz binden wolle? Er war inzwischen so verzweifelt und überfordert von der ganzen Situation, dass er nur stumm nickte, in der Hoffnung, jetzt unverzüglich seinen Einkauf erledigen und den Ort des Grauens verlassen zu können. Aber er hatte nicht damit gerechnet, dass er bei der emphatischen Dame sowohl mütterliche Gefühle als auch ihre grenzenlose Hilfsbereitschaft wecken würde.
Sie fragte mit samtweicher, einfühlsamer Intonation, ob seine Oma gestorben sei und als er schicksalsergeben seinen Blick noch weiter senkte, ging sie beherzt in die Offensive und schlug vor: „Wissen Sie, es ist doch viel zu zeitaufwendig und umständlich einen Kranz selber zu binden. Ich habe hier noch einige Kränze im Sonderangebot, sind zwar noch von der letzten Woche, aber wirklich anstandslos in Ordnung. Kommen Sie doch mal mit, junger Mann“! Sie zog ihn, weil er keinen Widerstand leistete, in die hinterste Ecke, wuchtete mit elegantem Schwung drei Kränze, einer schöner als der andere, auf den Tisch. „Bitte sehr, jeder zum halben Preis, dafür können Sie es doch nicht selber machen!“ sagte sie triumphierend.
Blitzartig überkam ihn ein eiskaltes Grausen, als er sich vor seinem inneren Auge mit dem Kranz aus dem Geschäft gehen und irgendwo heimlich in einer Ecke in Windeseile den Kranz auseinanderrupfen sah, um an den begehrten Blumendraht zu kommen. Augenblicklich wurde ihm klar, dass er jetzt sehr tapfer sein musste, bevor die Situation total aus dem Ruder lief. Er sammelte also alle Kräfte, die er noch in letzter Verzweiflung aufbringen konnte, und sagte mit gepresster Stimme: „Ich möchte Blumendraht!“
Sie schüttelte verständnislos ihren Kopf, gab sich aber geschlagen und reichte ihm das Objekt seiner Begierde. Sein Glück kaum fassend schritt er mit stolz geschwellter Brust zum Parkplatz zurück. Sein Heldenmut wurde aber keineswegs gewürdigt, im Gegenteil! Lotta wetterte mit zornerfüllter Stimme: „Wo bleibst du denn, es ist doch nicht zu fassen, wie lange kann man denn brauchen, um eine winzige Rolle Blumendraht zu kaufen?“

Das Tüpfelchen auf dem I

Er war winzig, mager und total unscheinbar, wie ein Strich der nur zufällig ohne jeden Sinn und Bedeutung auf das Papier gekritzelt wurde, durch einen ungeschickten Ausrutscher der Hand.
Diese Annahme wurde durch den abschätzigen Blick des Großen L erhärtet, das sehr hochnäsig von oben herab auf den Kleinen Dünnen blickte.
„Zieh Leine, ich kann dich nicht gebrauchen hier neben mir, ich will schließlich nicht ewig alleine bleiben! Mit dir kann das ja wohl nichts werden!“
Schon seit es denken konnte, wünschte sich das große L sehnlichst einmal mit anderen Buchstaben ein Wort zu bilden, aber es war sonnenklar, dass es ein besonderes sein müsse, welches eine herausragende Bedeutung hätte.
Durch den ärgerlichen Ausruf wurden zwei etwas gelangweilte kleine e‘ s aus ihrer Lethargie gerissen und drängelten sich neben den Kleinen Dünnen.
Sie linsten neugierig auf die Reaktion des Großen L‘ s. Dieses hingegen war so verdutzt durch die plötzliche und unerwartete Gesellschaft, dass es ein wenig vor Aufregung ins Schwanken geriet.
Fast wäre es umgekippt, wenn nicht in letzter Sekunde ein beherztes kleines b hilfsbereit zur Stelle gewesen wäre. Nachdem das Große L wieder gerade stand entschloss sich das kleine b zwischen den beiden e‘ s Platz zu nehmen.
Nun stand die zusammengewürfelte Gruppe etwas hilflos beieinander und wusste nicht so recht warum, wieso und weshalb sie sich getroffen hatten.
Diese Ratlosigkeit wurde jäh beendet, als ein kleiner pfiffiger Punkt geistesgegenwärtig exakt über dem Kleinen Dünnen seinen neuen Platz einnahm.
War er doch schon lange äußerst unzufrieden gewesen, sozusagen nur als Abstandshalter zwischen zwei Sätzen zu dienen. Er fühlte sich zu Höherem berufen. Nun hatte er die Gelegenheit beim Schopfe gepackt und die anderen Buchstaben staunten nicht schlecht, als sie bemerkten, dass sie nun tatsächlich vollständig waren.
Das Ergebnis war mehr als zufriedenstellend für alle.
Sie fühlten sich plötzlich ganz unwiderstehlich zueinander hingezogen und konnten einfach nicht mehr voneinander lassen.