Vom Eindruck zum Ausdruck

Vom Eindruck zum Ausdruck

Ich nehme mir
ein Lied
ein Wort
ein Bild
ein Naturerlebnis
und lasse mich beeindrucken
damit mein Inneres
Ausdruck finden kann.
Wenn mein Inneres
Ausdruck findet
werde ich
mir selber
zum „Gesprächspartner“;
indem ich „mir zuhöre“
lerne ich mich anzuschauen
wie mit den Augen eines guten Freundes.

Heute beim Spaziergang komme ich wieder einmal mit mir selber ins Gespräch.
Ein recht temperamentvoller Wind pfeift mir um die Nase, er rüttelte an den Zweigen der Bäume und treibt die Wolken eifrig vor sich her als wolle er mir zurufen: Das neue Jahr zieht ein, es braucht frischen Wind, damit nicht alles beim Alten bleibt! Ich denke so bei mir, dass Einzug und Auszug oft Hand in Hand gehen. Wo etwas hinein will, braucht es Platz, selbst der Atmen geschieht im Zusammenspiel von Aufnehmen und Abgeben.
So gehe ich meines Weges und beobachtete das Treiben der Wolken und lausche dem Gesang des Windes und spüre die belebende Frische in meinem Gesicht.
Dann wird mir bewusst wie gut es mir tut einfach in meinem eigenen Rhythmus zu laufen ohne mich dabei selber anzutreiben, weil ich denke ich müsste sportlicher unterwegs sein.
Meine Füße gehen wie von selbst, ich bin im Einklang, alle Anstrengung weicht einer angenehmen Tragkraft.
Die Worte „Ich lasse mich gehen“, kommen in meinen Sinn, indem mir die Doppeldeutigkeit bewusst wird fällt mir auf wie negativ das „Gehenlassen“ im Allgemeinen behaftet ist: „Lass dich doch nicht so gehen!“
Ein Gedicht formt sich und so findet mein Inneres den Ausdruck:

Lass dich nicht so gehen!

Und ob ich mich gehen lasse!
Und zwar genauso!
Ganz in meinem eigenen Rhythmus.
Ohne meinen Schritt anzupassen!
Ich werde zum Selbstläufer!

Die Zeit stand still

Rudolf (der Name ist verändert), war ein Kind das auffiel, man konnte ihn nicht übersehen oder überhören. In der Schule veranlasste sein Verhalten die Lehrer immer wieder zu Strafen und er machte sich dadurch auch bei den Mitschülern nicht beliebt. In früheren Zeiten hätte man ihn mit dem Zappelphilipp aus dem Buch vom Struwelpeter verglichen und heute würde man ein solches Kind wohl unter der Diagnose ADHS einordnen.

Rudolf und ich waren schon seit dem Kindergarten miteinander befreundet. Ich hielt zu ihm, denn schließlich sollte auch er nicht ohne Freund durchs Leben gehen.
Weil ich ihn auch zu Hause besuchte, bekam ich noch eine ganz andere Sicht auf seine Situation, denn ich erlebte, dass er dort ganz anders war. Er wirkte auf mich sehr eingeschüchtert und das schrieb ich der nach meinem Empfinden übersteigerten Strenge seiner Eltern zu.

Unser gemeinsamer Weg nahm nach vielen Jahren ein jähes Ende.

Niemals werde ich den Tag vergessen, an dem ich hautnah und unerbittlich mit der Endlichkeit des Lebens konfrontiert wurde.
Es war an einem Samstag und ich muss wohl 8 Jahre als gewesen sein.
Die Schulglocke hatte geklingelt und ich stürmte wie alle meine Mitschüler aus dem Klassensaal in den Flur hinaus. Munter lief ich zur Treppe hinunter als ich im Vorbeigehen einen Gesprächsfetzen der beiden Reinigungsfrauen aufschnappte, die im Flur standen und ihre Köpfe zusammensteckten. Die Wörter: Auto, Unfall, tot, waren wie eine blitzartige Vorwarnung, bevor sich mit der Nennung des Nachnamens meines Freundes die Gewissheit wie ein Pfeil durch mein Herz bohrte.
Als wenn mit einem Schlag die Zeit angehalten wurde blieb ich wie vom Donner gerührt auf der Treppe stehen und ließ den Klang der Stimmen in mir nachhallen, um dann ruckartig wieder in die Zeit zurück zu kommen und so schnell wie mich meine Beine trugen und ohne eine Pause einzulegen nach Hause zu rennen.

Mein Freund und ich wohnten nicht nur im selben Ort und besuchten die gleiche Kindergartengruppe, sondern hatten auch dieselbe Schulklasse besucht. Es gab zu unseren vielen Gemeinsamkeiten noch eine weitere: Wir teilten uns das selbe Geburtsdatum.
Durch diese Tatsache hinterließ Rudolfs Tod eine noch tiefere Prägung in meinem Leben, denn in den darauffolgenden Kindheitsjahren ließ mich die Frage nach dem Warum nicht los.
Das dumpfe Gefühl, dass ich es nicht verdiente weiter zu leben, hatte sich irgendwo in einem Winkel meiner Seele eingenistet.
Seit diesem Samstag Morgen war nichts mehr so wie zuvor.
Mein Leben glich einer Eisscholle, die in der Mitte entzwei gebrochen war, während ich auf dem einen Teil stehend zusehen musste, wie das Stück unbeschwerter Kindheit nun unablässig immer weiter von mir fort trieb. Ich blieb in der Realität einer neuen Welt zurück.

An dem Tag als der folgenschwere Unfall geschah, hatte ich meinen Freund noch kurz zuvor im Dorf getroffen. Ich war auf dem Weg nach Hause und plötzlich ertönte sein Rufen hinter mir.
Aus welchem Grund auch immer war ich genervt und hatte keine Lust stehen zu bleiben. Ich wollte meine Ruhe und versuchte ihn zu ignorieren. Er ließ aber nicht locker und so kam es, dass ich ihm nicht gerade freundlich begegnete. Einzelheiten unseres kurzen Gespräches weiß ich nicht mehr, nur dass ich im unwirsch zu verstehen gab, dass ich jetzt keine Zeit habe.
Ich habe noch Jahre später zutiefst bereut, dass unsere letzte Begegnung so unschön verlaufen war.

Das Leben hatte mir mit diesem Erlebnis eine nachhaltige Lektion erteilt:
Unsere Zeit ist begrenzt und wir wissen nicht, wann wir gehen müssen.
Hätte ich damals geahnt, dass ich Rudolf zum letzten Mal sehen würde, hätte ich ihn niemals so abblitzen lassen.
Ich kann nicht sagen wie oft ich an seinem Grab gestanden und ihn um Verzeihung gebeten habe.
In der Hoffnung, dass meine Bitte ihn erreicht hat, ließ ich irgendwann von diesem Ritual ab.

(Eine wahre Begebenheit aus meinem Leben.)

Versuche nicht dich selber in den Schatten zu stellen


Diese Impulskarte habe ich auf meiner Festplatte gefunden. Sie ist schon etwas älter. Sicher, man könnte noch am Design arbeiten, aber ich habe mir bewusst gesagt: “ ICH LASS DAS JETZT SO!“
Dieser Satz ist schon zu einem „geflügelten Wort“ für eine Freundin und mich geworden. Wir ähneln uns in manchen Wesenszügen, so zum Beispiel auch in unserer beider Hang zum Perfektionismus.
Natürlich geht es immer noch besser, aber wir setzten uns oft auch selber unnötig unter Druck. Also üben wir beide uns darin, etwas auch einmal gut sein zu lassen.
Die Tochter meiner Freundin hat ihr kürzlich aus der Stadt eine Karte mitgebracht auf der steht dieser Satz: ICH LASS DAS JETZT SO!
Sie hat sich diese Karte zur Erinnerung in die Küche gehängt. 🙂