Warum ich die Sonnenblume so sehr mag


Vielleicht weil sie mir den Eindruck vermittelt,
dass sie sich mit ihrem ganzen Wesen und Sein öffnet
um die Sonne zu empfangen, ja ihr Licht in sich aufzunehmen um sich dadurch förmlich in ihr Ebenbild zu verwandeln.


Vielleicht weil sie mir den Eindruck vermittelt,
dass sie sich mit ihrem ganzen Wesen und Sein öffnet
um ihr Innerstes nach Außen zu kehren und es fruchtbringend darzubieten mit bedingungsloser Freigebigkeit.


Vielleicht weil sie mir den Eindruck vermittelt, dass sie sich mit ihrem ganzen Wesen und Sein öffnet um sich unablässig nach dem Licht auszurichten um dabei die Schatten hinter sich zu lassen.

Unbeschreiblich

Manchmal ist es Zeit zu schweigen

Die Worte liegen wie Samen im Acker

Sie brauchen Zeit zu reifen und zu wachsen

Ich lege mein Ohr an das Herz der Erde

Und aus der Tiefe wächst ein leises Ahnen

Wie ein zarter Keim

Würde ich ihn vorschnell dem Boden entreißen

Blieben meine Worte tot und leer

Die Stille birgt die Quelle

Die das Unbeschreibliche ins Leben ruft

Baumkind

Die Stimme der Natur

Fast wie im Paradies kam ich mir vor, während ich meine Füße  Schritt für Schritt durch das sommerliche Feld lenkte. Die Gräser nickten so friedlich und sanft im lauen Abendwind. Um meine Nase strich ein betörend honigsüßer Duft. Und als ob meine Sinne noch nicht genug hätten, erscholl ein bezauberndes Vogelkonzert. Liebliche Klänge hüllten mich wohlig ein. Doch dann durchdrang jäh der Ruf des Kuckucks die Idylle, immer und immer wieder und er ließ nicht ab bis ich aufmerkte und die Frage in mir aufstieg, was er wohl so dringlich zu verkünden habe?

Also hielt ich inne und öffnete meine Herzensohren, sein klagender Appell drang in meine Seele und mit jedem Ruf wurde die Botschaft unmissverständlicher:

Gebt Acht

Gebt Acht

Erwacht

Erwacht

Die Zeit ist knapp

Die Uhr läuft ab

Kehrt um

Kehrt um

Und seid nicht dumm

Seht an das Leid

Das ihr getan

Schaut euch die Mutter Erde an

Sie liebt euch ganz bedingungslos

Verzeiht euch jeden Tag auf‘s Neu

Doch ihre Kraft ist nicht mehr groß

Ergreift die Chance die ihr noch habt sofort

Sie wird nicht mehr vertagt

Nehmt das Leben in eure Hände

Und hütet es sorgsam

Sonst naht bald das Ende

Siebenmeilenstiefel

Wie mit Siebenmeilenstiefeln

An deinem Geburtstag beginnt ein neues Lebensjahr, das alte ist vergangen und mit einem Anflug von Sentimentalität hältst du Rückschau und stellst zum wiederholten Male fest, dass die Zeit immer schneller dahin zu fliegen scheint.

Kaum setzt du deinen Fuß in das neue Jahr, wirfst du einen kurzen Blick auf die nächsten 12 Monate die noch jungfräulich vor dir liegen und beginnst schon im nächsten Augenblick damit zu mutmaßen, abzuwägen und zu vergleichen. Du vermagst in Sekundenschnelle durch die Zeit zu reisen, wie mit Siebenmeilenstiefeln. Darin bist du geübt, weil du fast unablässig trainierst. Jahrein jahraus, täglich, stündlich, sekündlich hastet dein Geist ruhelos zwischen Vergangenheit und Zukunft hin und her. 

Deine Lebenszeit rinnt dir dabei wie Sand durch die Finger. Während du beklagst, dass sie sich nicht halten lässt, bemerkst du nicht, dass du der Flüchtling bist, ein rastloser Wanderer, der am Leben vorbei läuft. So auch ein Reisender, der im fahrenden Zug sitzt und aus dem Fenster schauend den Eindruck gewinnt, dass die Landschaft an ihm vorbei rast. Würde er die Bremse ziehen, hätte die Reise ein Ende, denn er würde erkennen, dass er bereits am Ziel ist. 

Das Leben wohnt nicht im Gestern, noch im Morgen. Sein Haus ist ein wehender Hauch von Nichts und Allem was ist. Wenn du gewahr wirst, dass du bereits angekommen bist, kannst du darin Wohnung nehmen.

Bewohne dein Leben, damit du nicht stirbst bevor du gelebt hast!

Vom Eindruck zum Ausdruck

Vom Eindruck zum Ausdruck

Ich nehme mir
ein Lied
ein Wort
ein Bild
ein Naturerlebnis
und lasse mich beeindrucken
damit mein Inneres
Ausdruck finden kann.
Wenn mein Inneres
Ausdruck findet
werde ich
mir selber
zum „Gesprächspartner“;
indem ich „mir zuhöre“
lerne ich mich anzuschauen
wie mit den Augen eines guten Freundes.

Heute beim Spaziergang komme ich wieder einmal mit mir selber ins Gespräch.
Ein recht temperamentvoller Wind pfeift mir um die Nase, er rüttelte an den Zweigen der Bäume und treibt die Wolken eifrig vor sich her als wolle er mir zurufen: Das neue Jahr zieht ein, es braucht frischen Wind, damit nicht alles beim Alten bleibt! Ich denke so bei mir, dass Einzug und Auszug oft Hand in Hand gehen. Wo etwas hinein will, braucht es Platz, selbst der Atmen geschieht im Zusammenspiel von Aufnehmen und Abgeben.
So gehe ich meines Weges und beobachtete das Treiben der Wolken und lausche dem Gesang des Windes und spüre die belebende Frische in meinem Gesicht.
Dann wird mir bewusst wie gut es mir tut einfach in meinem eigenen Rhythmus zu laufen ohne mich dabei selber anzutreiben, weil ich denke ich müsste sportlicher unterwegs sein.
Meine Füße gehen wie von selbst, ich bin im Einklang, alle Anstrengung weicht einer angenehmen Tragkraft.
Die Worte „Ich lasse mich gehen“, kommen in meinen Sinn, indem mir die Doppeldeutigkeit bewusst wird fällt mir auf wie negativ das „Gehenlassen“ im Allgemeinen behaftet ist: „Lass dich doch nicht so gehen!“
Ein Gedicht formt sich und so findet mein Inneres den Ausdruck:

Lass dich nicht so gehen!

Und ob ich mich gehen lasse!
Und zwar genauso!
Ganz in meinem eigenen Rhythmus.
Ohne meinen Schritt anzupassen!
Ich werde zum Selbstläufer!

Die Zeit stand still

Rudolf (der Name ist verändert), war ein Kind das auffiel, man konnte ihn nicht übersehen oder überhören. In der Schule veranlasste sein Verhalten die Lehrer immer wieder zu Strafen und er machte sich dadurch auch bei den Mitschülern nicht beliebt. In früheren Zeiten hätte man ihn mit dem Zappelphilipp aus dem Buch vom Struwelpeter verglichen und heute würde man ein solches Kind wohl unter der Diagnose ADHS einordnen.

Rudolf und ich waren schon seit dem Kindergarten miteinander befreundet. Ich hielt zu ihm, denn schließlich sollte auch er nicht ohne Freund durchs Leben gehen.
Weil ich ihn auch zu Hause besuchte, bekam ich noch eine ganz andere Sicht auf seine Situation, denn ich erlebte, dass er dort ganz anders war. Er wirkte auf mich sehr eingeschüchtert und das schrieb ich der nach meinem Empfinden übersteigerten Strenge seiner Eltern zu.

Unser gemeinsamer Weg nahm nach vielen Jahren ein jähes Ende.

Niemals werde ich den Tag vergessen, an dem ich hautnah und unerbittlich mit der Endlichkeit des Lebens konfrontiert wurde.
Es war an einem Samstag und ich muss wohl 8 Jahre als gewesen sein.
Die Schulglocke hatte geklingelt und ich stürmte wie alle meine Mitschüler aus dem Klassensaal in den Flur hinaus. Munter lief ich zur Treppe hinunter als ich im Vorbeigehen einen Gesprächsfetzen der beiden Reinigungsfrauen aufschnappte, die im Flur standen und ihre Köpfe zusammensteckten. Die Wörter: Auto, Unfall, tot, waren wie eine blitzartige Vorwarnung, bevor sich mit der Nennung des Nachnamens meines Freundes die Gewissheit wie ein Pfeil durch mein Herz bohrte.
Als wenn mit einem Schlag die Zeit angehalten wurde blieb ich wie vom Donner gerührt auf der Treppe stehen und ließ den Klang der Stimmen in mir nachhallen, um dann ruckartig wieder in die Zeit zurück zu kommen und so schnell wie mich meine Beine trugen und ohne eine Pause einzulegen nach Hause zu rennen.

Mein Freund und ich wohnten nicht nur im selben Ort und besuchten die gleiche Kindergartengruppe, sondern hatten auch dieselbe Schulklasse besucht. Es gab zu unseren vielen Gemeinsamkeiten noch eine weitere: Wir teilten uns das selbe Geburtsdatum.
Durch diese Tatsache hinterließ Rudolfs Tod eine noch tiefere Prägung in meinem Leben, denn in den darauffolgenden Kindheitsjahren ließ mich die Frage nach dem Warum nicht los.
Das dumpfe Gefühl, dass ich es nicht verdiente weiter zu leben, hatte sich irgendwo in einem Winkel meiner Seele eingenistet.
Seit diesem Samstag Morgen war nichts mehr so wie zuvor.
Mein Leben glich einer Eisscholle, die in der Mitte entzwei gebrochen war, während ich auf dem einen Teil stehend zusehen musste, wie das Stück unbeschwerter Kindheit nun unablässig immer weiter von mir fort trieb. Ich blieb in der Realität einer neuen Welt zurück.

An dem Tag als der folgenschwere Unfall geschah, hatte ich meinen Freund noch kurz zuvor im Dorf getroffen. Ich war auf dem Weg nach Hause und plötzlich ertönte sein Rufen hinter mir.
Aus welchem Grund auch immer war ich genervt und hatte keine Lust stehen zu bleiben. Ich wollte meine Ruhe und versuchte ihn zu ignorieren. Er ließ aber nicht locker und so kam es, dass ich ihm nicht gerade freundlich begegnete. Einzelheiten unseres kurzen Gespräches weiß ich nicht mehr, nur dass ich im unwirsch zu verstehen gab, dass ich jetzt keine Zeit habe.
Ich habe noch Jahre später zutiefst bereut, dass unsere letzte Begegnung so unschön verlaufen war.

Das Leben hatte mir mit diesem Erlebnis eine nachhaltige Lektion erteilt:
Unsere Zeit ist begrenzt und wir wissen nicht, wann wir gehen müssen.
Hätte ich damals geahnt, dass ich Rudolf zum letzten Mal sehen würde, hätte ich ihn niemals so abblitzen lassen.
Ich kann nicht sagen wie oft ich an seinem Grab gestanden und ihn um Verzeihung gebeten habe.
In der Hoffnung, dass meine Bitte ihn erreicht hat, ließ ich irgendwann von diesem Ritual ab.

(Eine wahre Begebenheit aus meinem Leben.)