Das Tüpfelchen auf dem I

Er war winzig, mager und total unscheinbar, wie ein Strich der nur zufällig ohne jeden Sinn und Bedeutung auf das Papier gekritzelt wurde, durch einen ungeschickten Ausrutscher der Hand.
Diese Annahme wurde durch den abschätzigen Blick des Großen L erhärtet, das sehr hochnäsig von oben herab auf den Kleinen Dünnen blickte.
„Zieh Leine, ich kann dich nicht gebrauchen hier neben mir, ich will schließlich nicht ewig alleine bleiben! Mit dir kann das ja wohl nichts werden!“
Schon seit es denken konnte, wünschte sich das große L sehnlichst einmal mit anderen Buchstaben ein Wort zu bilden, aber es war sonnenklar, dass es ein besonderes sein müsse, welches eine herausragende Bedeutung hätte.
Durch den ärgerlichen Ausruf wurden zwei etwas gelangweilte kleine e‘ s aus ihrer Lethargie gerissen und drängelten sich neben den Kleinen Dünnen.
Sie linsten neugierig auf die Reaktion des Großen L‘ s. Dieses hingegen war so verdutzt durch die plötzliche und unerwartete Gesellschaft, dass es ein wenig vor Aufregung ins Schwanken geriet.
Fast wäre es umgekippt, wenn nicht in letzter Sekunde ein beherztes kleines b hilfsbereit zur Stelle gewesen wäre. Nachdem das Große L wieder gerade stand entschloss sich das kleine b zwischen den beiden e‘ s Platz zu nehmen.
Nun stand die zusammengewürfelte Gruppe etwas hilflos beieinander und wusste nicht so recht warum, wieso und weshalb sie sich getroffen hatten.
Diese Ratlosigkeit wurde jäh beendet, als ein kleiner pfiffiger Punkt geistesgegenwärtig exakt über dem Kleinen Dünnen seinen neuen Platz einnahm.
War er doch schon lange äußerst unzufrieden gewesen, sozusagen nur als Abstandshalter zwischen zwei Sätzen zu dienen. Er fühlte sich zu Höherem berufen. Nun hatte er die Gelegenheit beim Schopfe gepackt und die anderen Buchstaben staunten nicht schlecht, als sie bemerkten, dass sie nun tatsächlich vollständig waren.
Das Ergebnis war mehr als zufriedenstellend für alle.
Sie fühlten sich plötzlich ganz unwiderstehlich zueinander hingezogen und konnten einfach nicht mehr voneinander lassen.

 

Ein winziger Sonnenstrahl

Ein winziger Sonnenstrahl, einer von Abertausenden die stolz, zielgerichtet und voller Motivation ihre leuchtende Energie auf die Erde schickten, fühlte sich ziemlich überflüssig und nutzlos.
Wer brauchte ihn schon? Er fiel in der Riesenmenge überhaupt nicht auf, ob er strahlte oder nicht, machte doch keinen Unterschied!
Aber dann  kam seine große Chance: Ein trostloser nasskalter Tag im Mai. Die Sonne versteckte sich schaudernd hinter den dicken grauschwarzen Wolken.  „Jetzt „, dachte er, „jetzt gilt es!“, und er suchte beherzt nach einer kleinen Lücke. Sobald er sie entdeckte wagte er sich mutig hervor und schoß wie ein Pfeil nach unten auf die Erde. Vergnügt strahlte er in das erstaunte Gesicht eines Menschens der zuvor mit gesenktem Kopf und hängenden Schultern lustlos zur Arbeit geschlichen war. Nun hellte sich dessen Miene auf und er neigte seinen Kopf zum Himmel um die zarte Wärme zu genießen.
Plötzlich wurde dem winzig kleinen Sonnenstrahl bewusst, dass er sehr wohl wichtig und bedeutend war. Er begriff, dass ein Sonnenstrahl alleine zwar durchaus einen einzelnen Menschen für einen kurzen Augenblick erheitern konnte, aber wieviel mehr konnten alle Sonnenstrahlen gemeinsam bewirken?
Er erkannte nun, dass die gewaltige Kraft der Sonne nur dadurch zustande kam, dass Viele das gleiche Ziel verfolgten!
Und der Mensch, der durch den winzigen Sonnenstrahl unerwartet aus seiner Lethargie gerissen wurde, dachte bei sich:  „Es ist gut, darauf zu vertrauen, dass es immer wieder Lichtblicke geben wird, manchmal gerade dann wenn man sie am wenigsten erwartet!