Die Zeit stand still

Rudolf (der Name ist verändert), war ein Kind das auffiel, man konnte ihn nicht übersehen oder überhören. In der Schule veranlasste sein Verhalten die Lehrer immer wieder zu Strafen und er machte sich dadurch auch bei den Mitschülern nicht beliebt. In früheren Zeiten hätte man ihn mit dem Zappelphilipp aus dem Buch vom Struwelpeter verglichen und heute würde man ein solches Kind wohl unter der Diagnose ADHS einordnen.

Rudolf und ich waren schon seit dem Kindergarten miteinander befreundet. Ich hielt zu ihm, denn schließlich sollte auch er nicht ohne Freund durchs Leben gehen.
Weil ich ihn auch zu Hause besuchte, bekam ich noch eine ganz andere Sicht auf seine Situation, denn ich erlebte, dass er dort ganz anders war. Er wirkte auf mich sehr eingeschüchtert und das schrieb ich der nach meinem Empfinden übersteigerten Strenge seiner Eltern zu.

Unser gemeinsamer Weg nahm nach vielen Jahren ein jähes Ende.

Niemals werde ich den Tag vergessen, an dem ich hautnah und unerbittlich mit der Endlichkeit des Lebens konfrontiert wurde.
Es war an einem Samstag und ich muss wohl 8 Jahre als gewesen sein.
Die Schulglocke hatte geklingelt und ich stürmte wie alle meine Mitschüler aus dem Klassensaal in den Flur hinaus. Munter lief ich zur Treppe hinunter als ich im Vorbeigehen einen Gesprächsfetzen der beiden Reinigungsfrauen aufschnappte, die im Flur standen und ihre Köpfe zusammensteckten. Die Wörter: Auto, Unfall, tot, waren wie eine blitzartige Vorwarnung, bevor sich mit der Nennung des Nachnamens meines Freundes die Gewissheit wie ein Pfeil durch mein Herz bohrte.
Als wenn mit einem Schlag die Zeit angehalten wurde blieb ich wie vom Donner gerührt auf der Treppe stehen und ließ den Klang der Stimmen in mir nachhallen, um dann ruckartig wieder in die Zeit zurück zu kommen und so schnell wie mich meine Beine trugen und ohne eine Pause einzulegen nach Hause zu rennen.

Mein Freund und ich wohnten nicht nur im selben Ort und besuchten die gleiche Kindergartengruppe, sondern hatten auch dieselbe Schulklasse besucht. Es gab zu unseren vielen Gemeinsamkeiten noch eine weitere: Wir teilten uns das selbe Geburtsdatum.
Durch diese Tatsache hinterließ Rudolfs Tod eine noch tiefere Prägung in meinem Leben, denn in den darauffolgenden Kindheitsjahren ließ mich die Frage nach dem Warum nicht los.
Das dumpfe Gefühl, dass ich es nicht verdiente weiter zu leben, hatte sich irgendwo in einem Winkel meiner Seele eingenistet.
Seit diesem Samstag Morgen war nichts mehr so wie zuvor.
Mein Leben glich einer Eisscholle, die in der Mitte entzwei gebrochen war, während ich auf dem einen Teil stehend zusehen musste, wie das Stück unbeschwerter Kindheit nun unablässig immer weiter von mir fort trieb. Ich blieb in der Realität einer neuen Welt zurück.

An dem Tag als der folgenschwere Unfall geschah, hatte ich meinen Freund noch kurz zuvor im Dorf getroffen. Ich war auf dem Weg nach Hause und plötzlich ertönte sein Rufen hinter mir.
Aus welchem Grund auch immer war ich genervt und hatte keine Lust stehen zu bleiben. Ich wollte meine Ruhe und versuchte ihn zu ignorieren. Er ließ aber nicht locker und so kam es, dass ich ihm nicht gerade freundlich begegnete. Einzelheiten unseres kurzen Gespräches weiß ich nicht mehr, nur dass ich im unwirsch zu verstehen gab, dass ich jetzt keine Zeit habe.
Ich habe noch Jahre später zutiefst bereut, dass unsere letzte Begegnung so unschön verlaufen war.

Das Leben hatte mir mit diesem Erlebnis eine nachhaltige Lektion erteilt:
Unsere Zeit ist begrenzt und wir wissen nicht, wann wir gehen müssen.
Hätte ich damals geahnt, dass ich Rudolf zum letzten Mal sehen würde, hätte ich ihn niemals so abblitzen lassen.
Ich kann nicht sagen wie oft ich an seinem Grab gestanden und ihn um Verzeihung gebeten habe.
In der Hoffnung, dass meine Bitte ihn erreicht hat, ließ ich irgendwann von diesem Ritual ab.

(Eine wahre Begebenheit aus meinem Leben.)

3 Gedanken zu „Die Zeit stand still“

  1. Für ein Kind ist so etwas ganz schlimm und du denkst nach so vielen Jahren noch an ihn, was ich verstehen kann.
    Es tut mir sehr leid Liebe Beate, gerade wenn so ein junger Mensch für immer gehen muss.
    Sei ganz lieb umarmt und du hast nichts falsch gemacht.

    Alles Liebe von Mathilda ❤ ❤

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