Das Mosaik des Lebens

Keine Frage, das Leben hatte ihm übel mitgespielt. Er schleppte sich schon eine lange Zeit mehr schlecht als recht durch die Tage und es schien so, als ob das Glück mit ihm Verstecken spielte.
Er haderte mit dem Sinn des Lebens und seine Gedanken liefen unaufhörlich im Kreis, wie ein Hamster in seinem Rad:
„So viele Verletzungen, so viele Kämpfe,
so viele Hindernisse und Enttäuschungen,
So viel Trauer, so viele Fehler
so viele Zweifel und Ungerechtigkeiten…“
Auch heute ist er wie schon so oft schließlich vor Erschöpfung eingeschlafen.
Er träumt von einer Eule, die auf dem obersten Ast eines uralten Baumes sitzt. Sie hat außergewöhnlich große und hellstrahlende Augen. Als die Sonne bereits unter gegangen ist, breitet sie ihre Flügel aus und zieht in der Luft einen weiten Kreis, bis sie sich auf einer kleinen Mauer niedersetzt.

Der Jüngling findet sich im Traum nun selbst an diesem Ort auf der Mauer sitzend wieder. Er erkennt, dass er sich auf einem Friedhof befindet, auf dem keine gewöhnlichen Gräber sind. Die Grabplatten sind allesamt mit bunt schillernden Mosaiken verziert, die sich aus mehr oder weniger Platten zusammensetzen. Als er verwundert über den Friedhof geht, steht er plötzlich einem Greis gegenüber und fragt ihn, warum dieser Friedhof so ganz anders aussieht.

Der Alte erklärt ihm, dass jeder Mosaikstein für ein Lebensjahr steht. Jeder Bewohner des Dorfes bekommt von seiner Geburt an zu jedem Geburtstag eine bemalte Platte geschenkt und mit dem zwölften Geburtstag beginnt er fortan selbst damit sinnbildlich für das vergangene Lebensjahr eine Platte zu bemalen. Die Platten werden sorgsam aufbewahrt und am Lebensende von den Nachfahren zu einem Mosaik zusammengesetzt und auf die Grabplatte aufgelegt.
Wie aus den Wolken gefallen findet er sich ruckartig erwacht in seinem Bett wieder. Er hat Mühe in die Realität zurück zu finden, denn der Traum hält ihn noch fest.
Während er dem Traumerlebnis nachsinnt fällt es ihm plötzlich wie Schuppen von den Augen und er erkennt die Botschaft:
Die Kunst besteht darin, das Leben als Ganzes zu betrachten, mit all seinen Höhen und Tiefen. Alles, ob schwer oder leicht ob dunkel oder hell hat seinen Platz im Lebensmosaik und im Zusammenspiel der Komponenten erschließt sich der Sinn Stück für Stück.

Lebensmosaik
Mein Leben
ist wie
ein Mosaik
mal wähle ich
mal nehme ich hin
was sich
Stück für Stück
zusammenfügt
Im Laufe
der Jahre
erkenne ich
immer deutlicher
die Schönheit
des einzigartigen
Musters

Die Zeit stand still

Rudolf (der Name ist verändert), war
ein Kind das auffiel, man konnte ihn nicht übersehen oder überhören.
In der Schule veranlasste sein Verhalten die Lehrer immer wieder zu
Strafen und er machte sich dadurch auch bei den Mitschülern nicht
beliebt. In früheren Zeiten hätte man ihn mit dem Zappelphilipp aus
dem Buch vom Struwelpeter verglichen und heute würde man ein solches
Kind wohl unter der Diagnose ADHS einordnen.

Rudolf und ich waren schon seit dem
Kindergarten miteinander befreundet. Ich hielt zu ihm, denn
schließlich sollte auch er nicht ohne Freund durchs Leben
gehen.
Weil ich ihn auch zu Hause besuchte, bekam ich noch eine
ganz andere Sicht auf seine Situation, denn ich erlebte, dass er dort
ganz anders war. Er wirkte auf mich sehr eingeschüchtert und das
schrieb ich der nach meinem Empfinden übersteigerten Strenge seiner
Eltern zu.

Unser gemeinsamer Weg nahm nach vielen
Jahren ein jähes Ende.

Niemals werde ich den Tag vergessen, an
dem ich hautnah und unerbittlich mit der Endlichkeit des Lebens
konfrontiert wurde.
Es war an einem Samstag und ich muss wohl 8
Jahre als gewesen sein.
Die Schulglocke hatte geklingelt und ich
stürmte wie alle meine Mitschüler aus dem Klassensaal in den Flur
hinaus. Munter lief ich zur Treppe hinunter als ich im Vorbeigehen
einen Gesprächsfetzen der beiden Reinigungsfrauen aufschnappte, die
im Flur standen und ihre Köpfe zusammensteckten. Die Wörter: Auto,
Unfall, tot, waren wie eine blitzartige Vorwarnung, bevor sich mit
der Nennung des Nachnamens meines Freundes die Gewissheit wie ein
Pfeil durch mein Herz bohrte.
Als wenn mit einem Schlag die Zeit
angehalten wurde blieb ich wie vom Donner gerührt auf der Treppe
stehen und ließ den Klang der Stimmen in mir nachhallen, um dann
ruckartig wieder in die Zeit zurück zu kommen und so schnell wie
mich meine Beine trugen und ohne eine Pause einzulegen nach Hause zu
rennen.

Mein Freund und ich wohnten nicht nur im selben Ort und besuchten die gleiche Kindergartengruppe, sondern hatten auch dieselbe Schulklasse besucht. Es gab zu unseren vielen Gemeinsamkeiten noch eine weitere: Wir teilten uns das selbe Geburtsdatum.
Durch diese Tatsache hinterließ Rudolfs Tod eine noch tiefere Prägung in meinem Leben, denn in den darauffolgenden Kindheitsjahren ließ mich die Frage nach dem Warum nicht los.
Das dumpfe Gefühl, dass ich es nicht verdiente weiter zu leben, hatte sich irgendwo in einem Winkel meiner Seele eingenistet.
Seit diesem Samstag Morgen war nichts mehr so wie zuvor.
Mein Leben glich einer Eisscholle, die in der Mitte entzwei gebrochen war, während ich auf dem einen Teil stehend zusehen musste, wie das Stück unbeschwerter Kindheit nun unablässig immer weiter von mir fort trieb. Ich blieb in der Realität einer neuen Welt zurück.

An dem Tag als der folgenschwere Unfall geschah, hatte ich meinen Freund noch kurz zuvor im Dorf getroffen. Ich war auf dem Weg nach Hause und plötzlich ertönte sein Rufen hinter mir.
Aus welchem Grund auch immer war ich genervt und hatte keine Lust stehen zu bleiben. Ich wollte meine Ruhe und versuchte ihn zu ignorieren. Er ließ aber nicht locker und so kam es, dass ich ihm nicht gerade freundlich begegnete. Einzelheiten unseres kurzen Gespräches weiß ich nicht mehr, nur dass ich im unwirsch zu verstehen gab, dass ich jetzt keine Zeit habe.
Ich habe noch Jahre später zutiefst bereut, dass unsere letzte Begegnung so unschön verlaufen war.

Das Leben hatte mir mit diesem Erlebnis eine nachhaltige Lektion erteilt:
Unsere Zeit ist begrenzt und wir wissen nicht, wann wir gehen müssen.
Hätte ich damals geahnt, dass ich Rudolf zum letzten Mal sehen würde, hätte ich ihn niemals so abblitzen lassen.
Ich kann nicht sagen wie oft ich an seinem Grab gestanden und ihn um Verzeihung gebeten habe.
In der Hoffnung, dass meine Bitte ihn erreicht hat, ließ ich irgendwann von diesem Ritual ab.

(Eine wahre Begebenheit aus meinem Leben.)