9. Dezember

Das verborgene Geschenk

In diesem Jahr sollte alles anders werden.

Die Adventszeit war auch in diesem Jahr wieder wie auf leisen Sohlen so überraschend herangeschlichen, das Anja Mühe hatte, sich vom Herbst zu lösen. Aber ihr Vorhaben, sich nicht vom allgemeinen Weihnachtsstress überrollen zu lassen, konnte sie zum ersten Mal in die Tat umsetzen. Fast jeden Abend nahm sie sich Zeit, eine Ruhepause einzulegen und in der Bibel oder anderen Büchern zu lesen und sich intensiv mit dem Weihnachtsgeschehen zu beschäftigen. Manchmal zündete sie eine Kerze an und lauschte einer meditativen Musik. Das alles trug dazu bei, dass in ihrem Herzen die Freude beständig wuchs.

Eines Abends dachte sie an die bevorstehende Weihnachtsfeier in ihrer Frauengruppe.

Das gemeinsame Wichteln war dabei zur Tradition geworden. Dazu brachte jede Frau ein kleines Geschenk mit, das nicht selten auch selber gebastelt wurde.

Sie hatten sich darauf geeinigt, dass die Freude am Beschenken im Vordergrund stehen und daher nicht viel Geld ausgegeben werden sollte. Die Päckchen kamen dann in einen Sack und nach der Reihe durfte jede Frau ein Geschenk daraus entnehmen.

Beim Gedanken an das Wichteln machte sich zum ersten Mal ein mulmiges Gefühl in Anjas Magengrube breit. Vor zwei Jahren hatte Simones Sohn im Kindergarten eine Kerze mit bunten Wachsplättchen verziert. Sie war nicht wirklich schön, und ausgerechnet dieses Exemplar war dazu bestimmt, in Anjas Händen zu landen. Mit neidvollem Blick hatte sie die hübsche und kreative Ausbeute der anderen Frauen betrachtet und nachdem sie ihre Enttäuschung herunter geschluckt hatte, wurde die Kerze zu Hause schnellstmöglich abgebrannt und damit auch wieder vergessen. Was ihr im letzten Jahr zuteil wurde, war nicht erfreulicher als im Vorjahr, zum Glück hatte sie die Erinnerung daran soweit verdrängt, dass sie nicht mehr sagen konnte, was sie bekam. Aber nun schlich sich eine unangenehme Vorahnung in ihr Herz: Sie war sich fast sicher, dass sie auch in diesem Jahr wieder solch ein unzumutbares Geschenk mit nach Hause nehmen musste.

Als der Tag der Weihnachtsfeier gekommen war, machte sich Anja schon früh morgens gut gelaunt an das Einpacken ihres Mitbringsels, das sie liebevoll ausgewählt hatte.
Sie summte dabei die Melodie ihres Lieblingsliedes leise vor sich hin und war ganz bei der Sache.

Als sie abends den festlich geschmückten Raum betrat, streifte ihr erster Blick den Schrank, auf dem bereits eine ganze Reihe von niedlichen Päckchen aufgereiht standen. Noch guter Dinge stellte sie ihren Beitrag zu den anderen. Als Simone schließlich den Raum betrat und ihr Geschenk auf den Wichteltisch stellte, war sie wieder da, diese unerträgliche, hellsichtige Gewissheit: Dieses hässliche Etwas, eine Klorolle mit Buntpapier als Kerze hergerichtet, sollte ihr gehören.

An einigen Stellen war das Papier zerdrückt und eingerissen,- der Sohn von Simone hatte offensichtlich seiner geballten künstlerischen Begabung mit ungebremster Motivation freien Lauf gelassen. Nun begann die Bescherung.

In diesem Jahr sollte alles anders werden.

Die Päckchen wurden nämlich mit einer Zahl versehen.
Jede Frau zog ein Zettelchen mit einer entsprechenden Nummer, und bekam dann ihre Überraschung. Anja biss die Zähne zusammen und versuchte sich mit aller Kraft gegen die penetranten Gedanken zu wehren, die wie ein Fluch auf ihr lasteten. So nahm sie dann auch mit verkrampften Gesichtszügen ihre Gabe entgegen.

Es kam wie es kommen musste, sie bekam was ihr zustand, und ließ es auch sogleich mit einem gekünstelten Lächeln in ihrer Tasche verschwinden, um es nie wieder eines Blickes zu würdigen: Das Klorollenprachtstück!


Als alle Frauen ihre Kostbarkeiten mit viel Freude ausgepackt hatten, kam der Höhepunkt: Die nervige Simone fragte Anja doch tatsächlich vor versammelter Mannschaft, ob ihr denn das Geschenk gefallen würde.

Aus Anjas Mund kam nur ein klägliches Dankeschön.

Aber Simone blieb hartnäckig: Ob Anja denn wirklich annehme, dass das, was sie gesehen habe wirklich ihr Geschenk sei? Sie solle es doch einmal auspacken!

Verwirrt und unsicher nahm Anja die Klorolle aus der Versenkung und entfernte das Buntpapier. Da kullerte eine mit Goldlack bepinselte Walnuss heraus.

Sie hatte ein winziges Scharnier, und als Anja sie zögernd und vorsichtig öffnete, blieb ihr vor Verwunderung der Mund offen stehen: Innen war eine wundervolle Krippe beherbergt, deren Figuren aus zierlichen Ästchen geschnitzt waren.

Anja schämte sich und gleichzeitig wurde sie mit einer tiefen Freude erfüllt.

Ehrfürchtig und ergriffen bestaunte sie das schönste und wertvollste Geschenk, das sie je erhalten hatte.

In diesem Jahr sollte alles anders werden.

(Nach einer wahren Begebenheit)

 

4 Gedanken zu „9. Dezember“

  1. Wunderschön geschrieben. Ich kenne das Gefühl vor dem Auspacken 😉 , wir wichteln auch immer mit meinen Freundinnen. In diesem Jahr haben wir erstmalig eine Wichtelpause eingelegt, aber irgendwie fehlte etwas auf unserer Weihnachtsfeier und im nächsten Jahr wird wieder gewichtelt ;-). Etwas Schreckiches habe ich zum Glück noch nie bekommen, aber es gibt schon Unterschiede dabei. Es hat eben jeder einen anderen Geschmack.
    LG Susanne

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