7. Dezember

Weihnachtliche Vorfreude

Wenn es einen Experten für weihnachtliche Vorfreude gibt, dann war das mein Großvater, da bin mir ich ganz sicher!
Er hatte es sich zur Gewohnheit gemacht schon lange vor Weihnachten mein Weihnachtsgeschenk fertigzustellen. Niemals hätte er ein Geschenk gekauft, nicht weil er zu geizig dazu war, nein er sagte immer mit dem Brustton der Überzeugung: “ Nur ein Geschenk das man selber gemacht hat ist ein richtiges Geschenk, weil da Liebe drin steckt.“
Ja und Liebe hatte mein Großvater Gustav jede Menge zu geben und das nicht nur in Form von handgemachten Geschenken.
Ich kann mich nicht daran erinnern, dass er einmal keine Zeit gehabt hätte, wenn ich ihn besuchen wollte. Wenn er das Klacken des Gartentörchens hörte, stand er meist schon in der offenen Haustür, bevor ich den Weg zum Haus auch nur zur Hälfte zurück gelegt hatte. Jedes Mal strahlten seine Augen und freudig breitet er beide Arme aus und rief mir zu: “ Hummelchen, komm flieg!“
Dann rannte ich los und ließ mich von ihm auffangen und wild herumwirbeln.
Ganz besonders spannend war es, wenn ich ihn in der Adventszeit besuchte.
Mein Geschenk bewahrte er in jedem Jahr unter seinem Bett auf.
Am ersten Adventssonntag ging es schon los.
Er machte ein sehr geheimnisvolles Gesicht und lockte mich mit leiser Stimme: „Na, meine Kleine, was meinst du, wollen wir mal spinksen?“
Dann legten wir uns ganz nahe bei der Zimmertür, also im weit möglichsten Abstand zum Bett, bäuchlings nebeneinander auf den Boden und ich spähte wie mit Adleraugen in die Ecke, in der ich das Geschenk vermuten konnte. Es stand stets im hintersten Winkel ganz an der Wand.
Da es draußen um diese Zeit schon dunkel war und das Licht im Schlafzimmer für unsere heimliche Spionage-Mission natürlich nicht eingeschaltet wurde, konnte ich nichts erkennen.
Aber selbst dieses „Garnichts“ war schon so aufregend, dass es in meinem Bauch zu kribbeln begann.
Am nächsten sowie an allen darauffolgenden Tagen wurde dieses Prozedere wiederholt.
Aber mein Großvater hatte natürlich eine Steigerung eingeplant . Vom ersten Tag an zog er mit einem Bleistift und einem Lineal einen Strich auf die Stelle des Bodens, die mein Kinn beim Spinksen berührt hatte. Jeden weiteren Tag durfte das Kinn 1cm weiter nach vorne und so stieg die Spannung von Tag zu Tag und es wurde immer kribbeliger in meinem Bauch.
Auch wenn ich bis zum 4. Adventssonntag außer einem schattenhaften Umriss nichts erkennen konnte, werde ich diese Vorfreude, die mein Großvater mit seiner Inszenierung hervorgelockt hatte, niemals vergessen. Selbst heute noch liegt für mich mit dieser Erinnerung immer noch ein ganz besonderer Zauber über der Vorweihnachtszeit.

Es muss wohl an den Genen liegen, denn mein Vater hatte, inspiriert von seinem Vater, ebenfalls eine ganz spezielle Methode entwickelt, um mit Spannung meine Vorfreude zu steigern.
Er veranstaltete mit mir ein Rätselraten.
Mit verschwörerischer Stimme raunte er: Soll ich dir etwas über dein Geschenk verraten?
An jedem Tag verriet er mir ein klitzekleines Detail über meine zu erwartenden Weihnachtsgabe.
Am eindrucksvollsten ist mir dieses adventliche Erlebnis aus dem Jahr, in dem ich meinen 6. Geburtstag gefeiert hatte in Erinnerung.
Es ging los mit dem Hinweis:“ Du kannst es so weit ziehen.“ Und er streckte dabei seinen rechten Arm weit über seinen Kopf und den linken Arm fast bis zu seinem Knie. Oh wie war das spannend, was sich in meinem Kopf dazu für Ideen entwickelten.
Ein paar Tage später meinte mein Vater, es sei Zeit für den nächsten Hinweis und er verriet: „Du kannst es auch so ziehen.“ Und er streckte seine rechte Hand seitwärts zur rechten Seite und die linke Hand zur linken Seite. Meine Güte, ein so dehnbares Ding , was konnte das nur für ein wunderbares Geschenk sein?
Beim nächsten Mal eröffnete er mir die Aussicht darauf, dass das Geschenk sich auch an die Wand hängen ließ.
Nach weiteren Tagen in denen die Spannung und Vorfreude weiter in mir gewachsen waren, sagte er, dass es sich auch um meinen Bauch binden ließe. In meinem Kopf entstanden die vielfältigsten Fantasien und die das Kribbeln war kaum noch auszuhalten.
Eines steht fest, in dem besagten Jahr habe ich eine ganz besondere Lektion für mein Leben gelernt: Die Vorfreude ist die schönste Freude!
Dieses Sprichwort erwies sich als absolut wahr und ich wusste es genau in dem Moment als ich am Weihnachtsmorgen mein Geschenk in den Händen hielt:
Eine funkelniegelnagelneue Strumpfhose!

Von Kindheitserzählungen einer Freundin inspiriert

8 Gedanken zu „7. Dezember“

  1. Wie schön, wenn sich die Vorfreude so steigern lässt, dahinter steckt ganz viel Liebe.
    Und ich habe ein neues Wort gelernt: spinksen – das habe ich noch nie gehört. 🙂

    Liebe Grüße
    Anna-Lena

  2. Einen tollen und ganz lieben Großvater hattest du, liebe Beate. Ich sehe euch liegen, auf dem Bauch, vor dem Bett. Du hast so Recht: Die Vorfreude ist die schönste Freude. Bei mir verschwanden vor Weihnachten immer meine beiden Puppen. Für die eine nähte meine Mutter neue Kleider und das Baby wurde frisch eingestrickt. Ich wusste das und war auf die neuen Kleider immer gespannt wie ein Flitzebogen. Meine Kindheitsfreundin war es gleich mit.
    Liebe Grüße an dich und danke für die feine Geschichte.

    1. Liebe Gudrun, das war leider nicht mein Großvater. Es ist eine Geschichte die angelehnt ist an Kindheitserinnerungen einer Freundin.
      Aber an neue Kleider für die Puppen zu Weihnachten kann ich mich auch erinnern, das war eine Freude.

  3. Du hast wunderbare Erinnerungen und es ist sehr schön, darüber zu lesen. Ich spüre Deine Vorfreude und ja, das sind super Ideen. Du hieltest wie einen Monat das Geschenk schon in der Hand ☘️☘️
    Herzlich. Priska

  4. Oh, wie schön du das erzählt hast, liebe Beate. ❤
    Die Vorfreude ist wirklich die schönste Freude.
    Ich hätte auch gerne solch einen kreativen Großvater gehabt.
    Ich habe leider keinen meiner Großväter kennengelernt. Einer ist im Krieg „geblieben“, und der andere starb, als ich 2 war.
    Aber meine Mutter hat es zu Weihnachten auch immer sehr schön gemacht. Daher bin ich wohl auch so ein Weihnachtsfan.
    Liebe Grüße,
    Martina

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