5. Dezember

Das ganze Jahr bin ich mit ihr unterwegs.
Sie bemerkt mich nicht.
Tagein und tagaus bin ich in ihrer Nähe.
Sie spürt mich nicht.
Auf Schritt und Tritt begleite ich sie.
Sie nimmt mich nicht wahr.

Kaum naht die Adventszeit, hängt sie kleine Holzanhänger an die Tannenzweige in der Vase, lächelt dabei und denkt sich: „Ach wie süß, diese kleinen Engelchen, wie schön, dass jetzt wieder die Zeit ist, mich daran zu erfreuen“.
Ab Ende November geht es schon los:
Sie stöbert in den Geschäften der Stadt verzückt in den Weihnachtskarten mit schillernden und glitzernden Engel.
Der Höhepunkt ist für sie der Tag vor Weihnachten.
Jetzt schmückt sie das Wohnzimmer für das Fest.
Sehr behutsam nimmt sie eine Schachtel die mit lauter Seidenpapier ausgepolstert ist aus dem Schrank und packt behutsam ihren allerschönsten Engel mit seidig glänzenden Haaren aus.
Den hat vor Jahren einmal für teures Geld auf dem Weihnachtsmarkt gekauft.
Wenn er endlich auf der Kommode neben dem Tannenbaum steht, dann hat für sie das Fest schon begonnen.

Ich bin so ganz anders.

Der freundliche Mann, der sie so aufmuntern angeschaut hat, als sie betrübt durch den Park spazierte.
Die Freundin, die ihr mit all ihrer Aufmerksamkeit zugehört hat, als sie sich den Kummer von der Seele redete und sich danach erleichtert fühlte.
Der funkelnde Sonnenstrahl, der durch die nebelverhangene Wolkenwand blitzte und sie unvermittelt mit Mut und Hoffnung erfüllte.
All das und noch viel mehr bin ich.

Ich bin so ganz anders,
Sie erkennt mich nicht.

8 Gedanken zu „5. Dezember“

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