4. Dezember

Winterzauber

Es war bitterkalt an diesem Wintermorgen. Die Sonne verwandelte das schneebedeckte Feld in einen flauschigen Glitzerteppich, der bis zum nahen Waldrand ausgebreitet lag.

Die sonst so lustig trippelnden Schritte des kleinen Hundes, der immer wieder voller Übermut in die pudrig-zarte Schneepracht hinein hüpfte, waren völlig lautlos. Die ganze Landschaft war erfüllt von einer tiefen Stille, die sich nur in dieser Jahreszeit, wie eine schützende Haube über die Winterwelt legt.

Der Mann und sein treuer Gefährte erblickten nicht das winzig-kleine Loch in der ansonsten makellosen Schneedecke, durch das ein Ästchen mit frischen Knospen kaum eine Handbreit neugierig herauslugte.

So wuchs das zarte Pflänzchen, unbemerkt von Tier und Mensch, aber dennoch begleitet von den erstaunten und strengen Blicken der alten Bäume.

Bis zum Frühjahr. hatte es bereits eine stattliche Größe von einem halben Meter erreicht. Der schmelzende Schnee gab nun den Blick auf ein Bäumchen preis, das nicht nur mit einem vollständigen Blätterkleid bedeckt war, sondern auch zahlreiche winzig kleine Früchte trug. Diese freilich waren fast das Außergewöhnlichste an der ganzen Erscheinung, denn es waren darauf die unterschiedlichsten Sorten kunterbunt vereint: Äpfel, Nüsse, Birnen, Kirschen und Pflaumen, sämtlich zur Ernte bereit.

Ach, wie warm es mir plötzlich wird, dachte das Mädchen, das an diesem März-Nachmittag, gut eingepackt in ihren Mantel, durch das langsam aus dem Winterschlaf erwachende Feld lief. Es hielt einen Moment inne, um zu spüren, woher dieser zarte Hauch zu ihr herüber wehte und als es dem warmen Atem folgte, stand es schließlich am Waldrand vor dem Bäumchen. Fassungslos vor Staunen dachte sie : So etwas habe ich noch nie gesehen, und eigentlich gibt es das ja auch gar nicht.

Noch von diesem Gedanken eingenommen griff es nach den winzigen Früchten und schmeckte schon die saftige Süße der Kirsche, die es sich vorsichtig in den Mund geschoben hatte. Köstlich schmeckte auch die Birne und erst als es ebenfalls einen knackigen Apfel verzehrt hatte, wurde es durch ein weiteres Naturschauspiel entzückt: Als Lina das kurze, jedoch kräftige Stämmchen betrachtete, war es ihr, als ob sie durch die knorrige Rinde das Flackern eines Feuers sehen konnte, einem Schattenspiele gleich. Schon fühlte sie, wie die kraftvolle Wärme ihr tief in Herz und Seele eindrang.

Das Mädchen war von diesem einzigartigen Ereignis so verzaubert, dass sie nicht bemerkt hatte, wie schnell die Zeit vergangen war. Es wurde bereits dämmrig, als Lina sich eiligen Schrittes auf den Heimweg begab.

Wie schnell ich heute laufen kann, es ist so als wenn ich Siebenmeilenstiefel trage, dachte das Mädchen. Seltsam, dass ich überhaupt nicht müde und hungrig bin, so wie sonst um diese Zeit.

Leicht und beschwingt öffnete sie die Haustür und irgendwie war es ihr, als ob alles, was ihre Augen erblickten, in ein neues Licht getaucht sei.

Sie spürte eine große Freude in ihrem Innern und um das Herz war es ihr sonderbar leicht und warm.

Als Lina in die Küche trat, hielt die Mutter bei ihrem Anblick einen Moment staunend inne und überlegte, warum ihr die Tochter so verändert vorkam und dachte schließlich: Sie ist schon wieder ein ganzes Stück gewachsen, meine Kleine.

Beim Abendessen erzählte Lina von ihrem eigenartigen Erlebnis.
Die Mutter schüttelte ungläubig den Kopf und der Vater sagte mit einem heiteren Augenzwinkern: „Ja, meine Kleine, du hast halt eine große Phantasie. „Und bei sich dachte er: Sie lebt manchmal in ihrer eigenen Welt, aber heute sieht sie so glücklich aus, als ob sie diese Geschichte wirklich erlebt hätte.

Als Lina schon längst friedlich in ihrem Bett lag und schlief, saßen die Eltern noch in der Wohnstube beisammen.

Die Mutter las in einem Buch und der Vater löste wie so oft ein Kreuzworträtsel.
Aber jeder von ihnen war heute nicht so ganz bei der Sache.
Eine zauberhafte Wärme und Helligkeit erfüllte den Raum, als wenn das Zimmer von zahlreichen Kerzen erleuchtet wäre, dabei brannte doch nur die Stehlampe am Sofa.
Die Mutter ertappte sich immer wieder dabei, dass sie mitten im Satz mit ihren Gedanken ganz woanders war. Sie fühlte sich so leicht und frei wie lange Zeit nicht mehr.
Linas Vater löste heute nicht sehr viele Wörter, denn er wurde plötzlich an seine Kindheit erinnert und erlebte das Gefühl, dass er als kleiner Junge spürte, wenn er im Sommer, selbstvergessen im Gras liegend, die Wolken beobachtete.
Die Eltern gingen an diesem Abend erfüllt von Ruhe und Frieden zu Bett.
Dankbar überließen sie sich ihren Träumen.

7 Gedanken zu „4. Dezember“

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