Die Schnecke auf dem Weg nach Bethlehem

An einem recht kalten Wintertag im Dezember, saß das Rotkehlchen auf einem Holunderbusch am Waldesrand.
Es schaute ganz munter um sich herum und als sein Blick nach unten auf den Boden fiel entdeckte es eine Schnecke.
„Hallo Schnecke, wohin des Weges?“
„Keine Ahnung, ich krieche einfach irgendwohin. Über die Richtung habe ich mir noch nie Gedanken gemacht.
Hauptsache ich bin in Bewegung.
„ Ja hast du denn noch nicht gehört, dass in Bethlehem ein ganz besonderes Kind geboren werden soll?
Es ist verheißen, dass es Gott selber ist, der uns das Licht und das Heil bringt?“
Die Schnecke wurde von den Worten des Rotkehlchens mitten ins Herz getroffen und plötzlich spürte sie eine große Sehnsucht nach diesem Licht.
„Nun Rotkehlchen, dann sag mir, in welche Richtung ich denn kriechen muss, wenn ich dorthin gelangen will?“
„Das weiß ich nicht“, entgegnete das Rotkehlchen, “aber frage einmal dein Herz, es wird dir schon den richtigen Weg weisen.“
Zunächst war die Schnecke sehr verwundert über diese seltsame Antwort,
aber als sie einen Moment inne gehalten hatte, gewahrte sie in sich ein kleines zartes Fünkchen, dass ihr Herz erwärmte. Sie fühlte sich ganz zart hingezogen zu dieses Liebeslichtes, ohne weiter nachzudenken ließ sie es geschehen und kroch ihm entgegen.
Sie war ganz zufrieden und voller Kraft und bemerkte gar nicht, wie die Zeit verging.
Eines Tages lief der Schnecke eine Ameise über den Weg.
„He, hallo Ameise, nicht so schnell, wo läufst du denn hin, wollen wir ein Stück gemeinsam gehen?“
Verdutzt stoppte die Ameise ihre hektischen Schritte und schaute wo die Stimme herkam.
„ Oh , hast du mit mir gesprochen Schnecke, ich hatte dich gar nicht gesehen. Meine Güte, ich bin aber auch total fertig, immer diese viele Arbeit, keine Zeit zum Ausruhen.“
Die Schnecke sprach: „ Ja hast du denn noch nicht gehört, dass in Bethlehem das Licht der Welt geboren wird, dass für uns alle neue Kraft und Heil bringt?“
„Nein“, erwiderte die Ameise, „das habe ich nicht, neue Kraft könnte ich allerdings dringend gebrauchen.
Aber ich bin schon ganz schlapp, ich glaube kann nicht mehr. Der Weg ist viel zu weit, das schaff ich nicht.“
Da lud die Schnecke die Ameise ein, auf ihrem Schneckenhaus Platz zu nehmen.
Die Ameise schüttelte zunächst verständnislos den Kopf und versuchte der Schnecke klarzumachen, dass sie in ihrer Langsamkeit doch niemals eine Chance hätte rechtzeitig in Bethlehem anzukommen.
Die Schnecke ließ sich von diesem Einwand nicht beirren und auch nicht von ihrem Entschluss abbringen.
„Ich spüre in meinem Herzen die Sehnsucht nach diesem Licht und wenn es wahr ist, dass der Retter für uns alle gekommen ist, dann wird sein Licht groß und stark genug sein, so dass auch mich ein Strahl davon erreicht, sprach sie voll innerer Gewissheit.“
Die Ameise dachte bei sich, dass es auf jeden Fall besser sei, die Hilfe von der Schnecke anzunehmen, als hier alleine kraftlos auf der Strecke zu bleiben.
So geschah es, dass nun beide gemeinsam unterwegs waren.
Nach einigen Tagen endete ihr Weg zur Mittagszeit an einem Hügel.
Zunächst waren sie sehr verwundert und auch irgendwie ratlos. Wie sollte es nun weiter gehen?
Hatten sie sich verlaufen? Würden sie den richtigen Weg jemals finden, und wenn, würde es dann vielleicht zu spät sein?
Sie beschlossen erst einmal ein Rast zu machen und die Ameise kroch vom Schneckenhaus hinunter setzte sich neben die Schnecke .
Gemeinsam ließen sie den Blick über das Tal schweifen und erblickten einen kleinen See.
Im Wasser spiegelte sich die Sonne und zauberte tausend und abertausend Glitzerfünkchen, die auf dem Wasser tanzten.
Ergriffen von diesem wundervollen Schauspiel trafen sich ihre Blicke und da erkannten sie, dass sich die Strahlen der Sonne auch in ihren Augen spiegelte.
Eine liebende Geborgenheit umfing sie und sie spürten ganz tief in ihren Herzen, dass die Geburt des Lichts sich genau jetzt und hier in diesem Augenblick ereignete.

(C) Beate Neufeld

Der kleine bunte Stern

Es war einmal ein sehr sehr kleiner Stern. Er war der Kleinste in seinem Sternhaufen. Schon viele Millionen Jahre strahlte er neben seinen Sternengeschwistern. Diese nahmen ihn aber nicht ernst, weil er so winzig war. Sie hatten überdies genug mit sich selber zu tun und schwatzten und lachten den lieben langen Tag miteinander und hatten Wichtigeres zu tun, als sich mit dem Winzling zu befassen.
Sie liebten es, sich vom Glanz des größten Sternes der Sonne bescheinen zu lassen und wurden nicht müde ihr nachzueifern, daher verbrachten sie die meiste Zeit des Tages damit, sich gegenseitig ihre Strahlen zu polieren.
Den winzig kleinen Stern störte es eigentlich gar nicht, dass er nicht beachtet wurde, denn er schaute sehr gerne auf die Erde hinunter und beobachtete was da vor sich ging.
Die größte Freude bereitete es ihm, wenn er durch die Fenster in die Häuser der Menschen blicken und Anteil an ihrem Leben nehmen konnte.
Unermesslich viele Stunden hatte er damit zugebracht.
Besonders gerne beobachtete er die Kinder, wie sie vergnügt lachten und spielten, da hüpfte auch in ihm sein kleines Sternenherz vor Freude.
Aber er sah auch die traurigen Ereignisse und da wurde ihm sein Herz schwer.
So konnte es mit den Jahren geschehen dass sich sein Aussehen veränderte und sich in ihm alle Farben des Lebens spiegelten.
Seine Sternengeschwister hatten die Veränderung lange nicht bemerkt, zu sehr waren sie damit beschäftigt ihre Größe und ihr Strahlen miteinander zu vergleichen. Eines Tages aber schaute einer von ihnen den Kleinen fassungslos an und stupste den Stern neben sich in die Seite: „Schau dir mal den Winzling an, der sieht merkwürdig aus, irgendwie schmutzig und gar nicht schön.“
Als die anderen Sterne im Sternhaufen darauf aufmerksam wurden, begannen auch sie abfällig über ihn zu reden. „Was schaust du auch die ganze Zeit auf die Erde herunter, kein Wunder das du so glanzlos geworden bist. Wir Sterne sind dazu bestimmt, unseren Glanz zu pflegen.“
Der winzig kleine Stern wurde traurig als er die Worte der anderen Sterne hörte, die aber schon bald wieder das Interesse an ihm verloren und sich ihrer Glanzpflege widmeten.
Dann kam er, der Abend an dem etwas ganz Besonderes geschah.
Der kleine bunte Stern schaute wie schon an den vergangenen Abenden in das Fenster von Florian, der auch heute wieder in seinem Zimmer saß und weinte.
Seine Mutter kam herein und nahm ihn tröstend in den Arm.
Florian wollte sich gar nicht beruhigen lassen.
Der kleine bunte Stern wusste, warum der Junge so untröstlich war. Vor nicht allzu langer Zeit war er mit seinen Eltern neu in diese Stadt gezogen und war sehr einsam, weil er einfach noch keine Freunde gefunden hatte. In seiner Klasse fühlte er sich fremd und unwohl.
Zu allem Unglück war vor zehn Tagen seine kleine Katze Maunzi von einem Auto überfahren worden und fortan war es nur noch dunkel in ihm. Alle Freude und Hoffnung hatte er verloren.
An diesem besonderen Abend beobachtete der kleine bunte Stern wie Florian von seiner Mutter an das Fenster geführt wurde und wie sie mit ihrer Hand nach oben zum Sternenhimmel zeigte und er hörte wie sie zu ihm sprach: „Sieh nur, wie schön die Sterne heute strahlen.
Florian wandte seinen Blick nach oben.
Plötzlich entdeckte er unter all den glänzenden Sternen diesen einen winzig kleinen ganz besonderen Stern, der alle Farben des Lebens trug und dessen Licht durch Hell und Dunkel hindurch zu strahlen vermochte.
In diesem Moment wurde Florian sonderbar berührt.
In seinem Herzen fühlte er eine sanfte Wärme und Florian ließ den kleinen bunten Stern eine lange Zeit nicht aus den Augen.
Da geschah es, dass sich die Farben des Lebens auch in seiner Seele spiegelten und das durch das Dunkel seines Herzens ein sanfter Strahl zu leuchten begann. Es war als wenn das Samenkorn der Hoffnung sich öffnete und ganz sachte seine Wurzeln entfaltete.
In Florians Gesicht zeichnete sich ein sanftes Lächeln, das von der Ahnung gespeist wurde, dass die Traurigkeit nicht ewig verweilen konnte und die Fröhlichkeit wieder Einzug halten würde.
Dieses Erlebnis machte den kleinen bunten Stern sehr sehr glücklich und nun wusste er, dass er dazu bestimmt war, eine ganz besondere Botschaft auszustrahlen.
Wenn du deine Herzensaugen öffnest, kannst auch du ihn erkennen, diesen ganz besonderen winzig kleinen bunten Stern, der dich daran erinnert, dass das Leben alle Farben trägt, und dass das Licht auch durch die Dunkelheit hindurch scheint.

Bischof Nikolaus

Heute feiern wir den Nikolaustag. Mir kam die Legende vom Kornwunder in den Sinn und es formten sich in mir folgende Zeilen:

Bischof Nikolaus
Wie tief und stark muss dein Vertrauen gewesen sein,
so kraftvoll, dass auch die Seeleute davon getragen wurden.
So konnte es geschehen, das Wunder aus der unerschöpflichen Quelle der Liebe:
Was wir von  Herzen teilen, wird uns niemals fehlen!

Erwartungen 

Es geschah an einem Tag in der Adventszeit.
Ich schloss den Briefkasten auf und holte etwas missmutig den dicken Stapel mit Werbeanzeigen heraus.
Fast wäre mir der Briefumschlag der dazwischen herausrutschte vor die Füße gefallen, wenn ich ihn nicht im letzten Moment noch aufgefangen hätte. Er war etwas unförmig und hatte keinen Absender.
Meine Neugier war geweckt und ich riss ihn ungeduldig auf.
Der Inhalt verblüffte mich total, denn ich hielt einen Briefbogen und einen kleinen leeren Bilderrahmen aus Holz in den Händen.
Auf dem Papier las ich nur diesen einen  Satz: „Ich bin schon da!“ Fassungslos schüttelte ich meinen Kopf. Was hatte das zu bedeuten?
Als ich den Rahmen näher in Augenschein nahm, entdeckte ich auf der Rückseite  noch einen Satz, der mit winzigen Buchstaben auf den Rand geschrieben war : „Gib deinen Erwartungen einen neuen Rahmen!“
Wie Schuppen fiel es mir plötzlich von den Augen und ich wusste:
„Gott lässt sich finden, wenn ich ihn erwarte.
Es kommt auf meinen Blickwinkel an und darauf, ob ich bereit bin ihn zu sehen.
Seither trage ich  den kleinen Rahmen oft mit mir, ganz besonders gerne, wenn ich in der Natur unterwegs bin.
Heute beim Spaziergang schaute ich hindurch und blickte in die Augen der kleinen Dammkuh, die hinter dem Zaun auf der Wiese weidete.