Das stolze Blatt das nicht fallen wollte

Das stolze Blatt das nicht fallen wollte

Es war einmal ein stolzes Blatt, das wohnte an einem Ahornbaum, der im Feld nahe am Rande eines großen Waldes stand.
Es gehörte zu den größten und kräftigsten Blättern seines Baumes und deshalb war es an einem neblig kühlen Novembertag eines der letzten Blätter, die sich am Baum noch halten konnten.
Schon seit Tagen hatte das stolze Blatt beobachtet, wie ein um das andere Blatt sich vom Baum löste und nach unten auf die Erde fiel.
„He“, rief es den restlichen Blattgeschwistern zu, „ich werde mich bestimmt nicht fallen lassen. Ich bin doch kein Schwächling und werde ganz sicher nicht so jämmerlich da unten im Matsch liegen und mich zertreten lassen“.
Dann kam der Tag an dem auch das letzte der andern Blätter sanft zur Erde schwebte und schließlich auf dem bunten Blätterteppich, der sich um den Baum herum gebildet hatte, liegen blieb.
„Ha, ich habe es geschafft“, triumphierte das stolze Blatt. „Wusste ich es doch, dass ich das stärkste Blatt am ganzen Baum bin“.
Es war ziemlich zufrieden und blickte voller Siegeslaune um sich herum und stellte dabei fest, dass sich auch auf den benachbarten Bäumen, soweit es schauen konnte, kein einziges Blatt mehr gehalten hatte.
Nach einer ganzen Weile wurde dem stolzen Blatt dann doch etwas seltsam zumute, denn es bemerkte, dass es nun ziemlich einsam war. Niemand war mehr da, der seine Überlegenheit bewundern konnte.
„Hallo Baum, siehst du mich? Ich bin dein letztes Blatt. Alle anderen haben dich verlassen.
Du bist doch sicher sehr froh, dass du nicht ganz alleine bist? Also ich lasse dich ganz bestimmt nicht im Stich. Sie nur wie stark ich bin, ich halte zu die, komme was wolle“.
Der Baum sah sehr nachdenklich auf sein letztes Blatt, dass sich so eigensinnig und verbissen an ihm festklammerte.
„Weißt du“, raunte er mit seiner warmherzigen Stimme, „ich bin niemals alleine , denn meine Wurzeln und meine Äste sind in Verbindung mit Himmel und Erde .
Alle meine Blätter bleiben mit mir verbunden, auch wenn sie meine Zeige verlassen haben.
Solange sie an meinen Zweigen hängen, speisen sie mich mit ihre grünen Kraft, wenn ich mich satt daran gegessen habe, schlüpfen sie in ihr buntes Kleid. Bald ist dann die Zeit gekommen und sie lösen sich von meinen Zweigen um sich mit der Erde zu verbinden.
Der Erdboden ist meine Heimat, er gibt meinen Wurzeln Halt und ebenso die Kraft, die ich zum Leben benötige. Ich brauche Beides, die grüne Kraft der Blätter und die gute Erdkraft und so können dann im Frühjahr wieder neue grüne Blätter aus mir wachsen“.
Das stolze Blatt hatte die ganz Zeit sehr aufmerksam zugehört und mit jedem Wort, welches der Baum zu ihm sprach, wuchs in ihm ein Vertrauen, das stärker war als aller Eigensinn und es ließ sich schließlich vertrauensvoll und sanft fallen, mit der hoffnungsvollen Ahnung, dass es eingebunden sei in den ewigen Kreislauf des Lebens.


20161101_110130

8 Gedanken zu „Das stolze Blatt das nicht fallen wollte“

  1. So, nun habe ich mich mal ganz schnell an den Rechner gestohlen, damit ich dir ein paar Zeilen hier lassen kann. 🙂
    Eine schöne Geschichte. Und es ist wirklich ein toller Zufall, dass wir heute unabhängig voneinander über Ähnliches geschrieben haben. Das freut mich ganz besonders.

    Liebe Grüße,
    Martina

  2. Liebe Beate,
    danke für deine wunderschöne Geschichte vom starken Blatt, das nicht fallen wollte. Du hast es wirklich treffend formuliert: Wurzeln sind die Verbindung zwischen Himmel und Erde. Genau so sehe ich das auch. Dazu fällt mir ein Satz auf einer deiner Karten ein: Werden und vegehen – alles liegt in Gottes Hand.

    Ich wünsche dir eine gute Zeit. Genieß noch das Wetterchen..
    Salut
    Helmut

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.