Das Leben kann nicht sterben

Das Leben kann nicht sterben

Sind die Bäume eigentlich traurig, wenn sie alle ihre Blätter verlieren?“, fragte Miriam ihren Großvater.

Sie waren an diesem Tag im Wald unterwegs.

Die Novembersonne ließ die letzten bunten Blätter, die sich noch an den Zweigen festhielten, zart aufleuchten.

Der Waldboden war wie mit einem dicken Farbteppich bedeckt.

Großvater Valentin schmunzelte und antwortete: „Ich glaube nicht, dass sie trauern, denn sie bekommen doch im Frühjahr ein ganz frisches Blätterkleid“.

Aber wäre es nicht schöner, wenn sie ihr hübsches buntes Kleid behalten könnten?“
„Nun, dann würden sie aber nicht mehr gesund und kräftig wachsen können, denn die Blätter enthalten Nahrung für die Bäume.

Der Baum saugt sich, so ähnlich wie du mit einem Trinkhalm dein Glas leer trinkst, den grünen Nährstoff aus den Blättern.

Wenn die Nahrung aufgebraucht ist, dann verlieren die Blätter ihre grüne Farbe und verfärben sich, bis sie schließlich vom Baum abfallen, um Platz zu machen für die neuen Blätter.“, erwiderte der Opa.

Wenn alle Nahrung aufgebraucht ist, und erst im Frühjahr wieder neue Blätter wachsen, dann hat der Baum aber sicher ganz doll Hunger? Oder macht er einen Winterschlaf wie manche Tiere?“

Ja, so ähnlich, erwiderte der Großvater, er legt eine Ruhepause ein.“

Miriam und Valentin gingen nun eine ganze Weile schweigend nebeneinander her.

Miriam war sehr nachdenklich.

Schließlich sagte sie bedächtig: „Ich habe im Frühling, als wir mit der Schule den Ausflug in den Wald gemacht haben, an einer Stelle viele Baumstümpfe gesehen.

Unser Lehrerin hat gesagt, dass die Bäume ganz alt waren und vom Wind um gepustet wurden, weil sie keine Kraft mehr hatten. Sie sagte, dass sie jetzt tot seien.

Aber ich kann das nicht glauben, dass sie wirklich tot sind, denn ich habe gesehen, dass an einem Baumstumpf ein ganz kleines Zweiglein gewachsen ist, das hatte winzige frische grüne Blättchen. Es sah aus wie ein Minibäumchen.

Deshalb glaube ich, dass die Baumstümpfe im Geheimen noch ein kleines bisschen Leben in sich haben, und das wächst dann wieder aus ihnen heraus.

Ja, das hast du sehr schön beobachtet, bemerkte der Großvater.

Plötzlich wurde Miriam ganz aufgeregt: „Ach ja, und bei dem Löwenzahn ist das doch auch so!“

Du hast es mir schon einmal erklärt: Wenn er verblüht ist schickt er seine Samenkörner auf die Reise und dort wo die kleinen Schirmchen landen, da wachsen neue Löwenzahnblumen.“

Ja, so ist es.Das Leben geht immer weiter, das kannst du überall in der Natur beobachten, bemerkte Valentin.

Miriam ließ die Worte des Großvaters in sich nachklingen, so wie es ihre Art war.

Nach einer kleinen Weile stellte sie mit leiser Stimme eine Frage, deren Antwort Miriam eigentlich schon in ihrem Herzen mit sich trug:

Haben wir Menschen auch so ein kleines Samenkorn in uns versteckt? “

Valentin antwortete: „Es heißt bei uns nicht Samenkorn, sondern Seele.

Wir können unsere Seele nicht sehen, aber du kannst sie Dir wie ein Samenkorn vorstellen, das am Ende unseres Lebens hier auf der Erde, ähnlich wie das Schirmchen des Löwenzahns, weiterfliegt, bis es zu neuem Leben erweckt wird.“

Miriam nickte zustimmend mit dem Kopf und sprach:

Dann sind die Menschen die gestorben sind auch nicht wirklich tot.

Sie haben im Geheimen noch Leben in sich, dass weiter wachsen kann, so wie die kleinen neuen Bäumchen auf den Baumstümpfen.
Das Leben kann nicht sterben!“

4 Gedanken zu „Das Leben kann nicht sterben“

  1. Liebe Beate,

    das ist wieder so eine wunderschöne Geschichte. Wie einfach und schön kann doch das Leben sein, wenn wir uns die Augen und die Seele eines Kindes bewahren.

    Liebe Grüße
    Jutta

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