Der goldene Oktobertag

Der goldene Oktober-Tag
oder
Warum das Wetter manchmal verrückt spielt

„Was willst du denn hier? Verzieh dich, siehst du denn du nicht, dass du viel zu spät bist?“
Diese unwirschen Beschimpfungen musste sich der goldene Oktobertag anhören, als er endlich zutage kam.
Er gehörte zu den eher Stillen und Introvertierten und nicht gerade zu den Schnellsten. Die Bezeichnung Genießer traf auf ihn zu, er war also eigentlich gerade das, was man einen Tagträumer nannte.
Aber es kam noch schlimmer, nachdem er die äußerst unfreundliche Begrüßung der anderen Oktobertage über sich hatte ergehen lassen müssen. Er fühlte sich so, als ob er vom Regen in die Traufe gekommen sei und das war er tatsächlich auch. Aber um das zu verstehen, bedarf es einer näheren Erklärung.
Wie schon gesagt, er war von seiner Bestimmung her ein goldener Oktobertag, genau genommen, der 21. dieses Jahres.
Aber seine Pflicht war er schuldig geblieben, und das keineswegs wegen Faulheit. Nein, er hatte sich in der Begeisterung über all die wundervollen Herbsttage, die vor ihm an der Reihe gewesen waren, total in der Bewunderung verloren und war nicht rechtzeitig bereit gewesen, seine Stelle anzutreten.
Daher kam er viel zu spät und stand schließlich wie ein begossener Pudel neben dem grausig grauen Novembertag, der mit dicken Wolken und kräftigen Regengüssen aufwartete.
Als der ihn neben sich stehen sah, wetterte er mit seiner wutentbrannten Stimme: „Ja du kommst mir gerade recht, jetzt bin ich schon hier auf deinem Platz, also verzieh dich gefälligst!“ Dabei blies er ihm mit einer gehörigen Sturmböe den Marsch.
Nun könnte man meinen, der grausig graue Novembertag wäre von Grunde auf ein Miesepeter, also das, was man im Allgemeinen einen unangenehmen Zeitgenossen nannte. Aber wer das annimmt, der täuscht sich gewaltig. Er hatte sich bei seinen Brüdern, den anderen grausig grauen Novembertagen, unbeliebt gemacht, weil er zugegebenermaßen etwas eigensinnig war, aber nicht etwa, weil er störrisch gewesen wäre.
Er hatte lediglich ein empfindsames Naturell und fror leicht, und deshalb hatte er sich in einem dicken Blätterhaufen verkrochen und so gemütlich eingemummelt, dass er doch tatsächlich im letzten Jahr seinen Einsatz verpasst hatte.
Ein anderer Novembertag musste damals seine Arbeit übernehmen, und aus diesem Grund war fortan keiner mehr gut auf ihn zu sprechen.
Da war natürlich sofort klar, wer in die Bresche springen musste, als der goldene Oktobertag, der 21., auf sich warten ließ.
Da er daran gewöhnt war, von seinen Brüdern verspottet zu werden, wollte er sich nun auf keinen Fall eine Blöße geben und war nun völlig übermotiviert an die Sache herangegangen. Denen würde er es zeigen! Von wegen er wäre ein hoffnungsloses Weichei, ein Warmduscher. Er gab wirklich alles und zeigte sich von seiner wildesten Seite.
Und nun, da er den goldenen Oktobertag mit geballter Kraft aus seinem Monat vertrieben hatte, irrte dieser verwirrt umher und suchte nach einem neuen Platz. Er war nun dazu verdonnert so lange zu suchen, bis er eine Lücke gefunden hatte, also bis ein anderer Tag aus irgendwelchen Gründen seinen Einsatz verpassen würde.
Wer weiß, dachte der Goldene Oktobertag bekümmert bei sich, vielleicht werde ich zu einem dieser ungeliebten Sommertage, an denen die Menschen mäkeln: „Ach, wann wird es denn endlich wieder Sommer? Es ist so unangenehm kühl, als ob es schon Herbst wäre.“
Wenn ich Glück habe, sinnierte er, könnte ich ein sonderbar lauer Wintertag werden, der ein zartes Lächeln auf die Gesichter zaubert und nach wochenlangem klirrendem Frost die Hoffnung auf den baldigen Einzug des Frühlings weckt?
Er hatte freilich nicht damit gerechnet, dass er seinen Einsatz schon viel früher haben würde. Am Abend des 10. Novembers traf er auf seinem Weg auf den grausig grauen 11.November, der total lustlos in den Startlöchern hing. Da kam ihm die zündende Idee.
Er erzählte dem 11.November, was er vorhatte und dem war sein Vorschlag mehr als recht.
Also gesagt, getan: Der goldene Oktober, der 21. kam mit stolz geschwellter Brust und bester Laune an den Horizont und entfaltete im Laufe des Tages hochmotiviert seine geballte Energie.
Die Menschen saßen also am 11.November bei 18 Grad und strahlendem Sonnenschein draußen vor den Cafés und sprachen verwundert: „Na, man könnte meinen, dass dieser Novembertag sich entschlossen hat bei der Eröffnung der Faschingssaison mitzumischen und sich deshalb als Spätsommertag verkleidet hat.“

Glückseligkeit und Herzeleid

An manchen Tagen war es so, als ob sich ein graues Tuch um ihre Seele gelegt hätte und auf ihrem Herzen ein dicker Stein lastete.
Das war nicht immer so gewesen.
Als sie mit ihrem geliebten Mann gemeinsam durch das Leben ging, waren ihre Tage erfüllt von Leichtigkeit und Wärme und selbst in schwierigen Zeiten war sie erfüllt von Hoffnung und Kraft. Erst als er durch diesen schrecklichen Unfall von ihrer Seite gerissen wurde, fühlte sie sich den Stürmen des Lebens schutzlos ausgeliefert. Schmerz und Trauer kamen und gingen, ohne dass sie sich dagegen wehren konnte.
Sie hatte gehofft, dass mit der Zeit die Wunde in ihrem Herzen verheilen und diese bleischweren Tage irgendwann ganz aus ihrem Leben verschwinden würden. Aber immer wenn sie dachte, dass die Trauer endlich ausgestanden sei, wurde sie ganz unvermittelt wieder hineingezogen wie in eine dunkle Höhle.
Eines Tages saß sie zusammengesunken und erschöpft auf einer Bank im Park. Vergeblich hatte sie wieder einmal versucht, der Dunkelheit in ihrer Seele zu entkommen.
Da wurde sie plötzlich von einem Blumenbeet am Rande der Wiese angezogen.
Es war bereits Herbst, aber dennoch blühten mit unerschütterlicher Lebenskraft einige Rosen. Sie stand auf und und schnupperte an den Blüten, die einen himmlischen Duft verströmten. Als sie das makellos schöne Blütenkleid betrachtete fiel ihr Blick unvermittelt auf die Stacheln am Stängel. Warum muss diese wundervolle Blume solche Stacheln haben? Es kam ihr so vor, als ob die Natur einen Fehler gemacht hätte; das passte doch nicht zusammen!
Einen Augenblick später wurde sie von einem sanften Stimmchen aus ihren Gedanken gerissen:
"Glückseligkeit und Herzeleid
eingewebt ins selbe Kleid
kann keines ohne das andere sein
sie wachsen nur aus einem Keim."
Sie erinnerte sich daran, dass dieser Satz aus einem Märchen stammte, das ihre Oma ihr früher oft erzählt hatte.
Verwirrt schaute sie um sich. Wo kam diese Stimme bloß her? Sie beugte sich ganz nah an das Beet und suchte auf den Blüten und am Boden. Da setzte sich ein Schmetterling auf eine Blüte direkt vor ihr.
Dieses Erlebnis verwirrte sie doch einigermaßen.
War sie doch das, was man landläufig einen Kopfmenschen nannte und deshalb nun sehr verunsichert, weil sie das Erlebte nicht einordnen konnte.
Dennoch spürte sie, dass die Last ihres Herzens etwas leichter geworden war und so ging sie gestärkt nach Hause.
Dort angekommen konnte sie nicht länger warten und stöberte in ihren Märchenbüchern, bis sie das besagte Märchen fand.
Sie setzte sich in ihren Sessel und begann zu lesen:

Glückseligkeit und Herzeleid

Es waren einmal zwei Gefühle,
das eine mit dem Namen Glückseligkeit,
das andere wurde Herzeleid genannt.
Sie wurden einst von der Schicksalsgöttin Fatuma wie Zwillinge fast zur selben Zeit geboren.
Fatuma hatte die Fäden des Lebens fest in ihrer Hand und sprach, als die beiden das Licht der Welt erblickten, folgenden Spruch über sie, der ihre Lebensbestimmung besiegeln sollte:
"Glückseligkeit und Herzeleid
eingewebt ins selbe Kleid
kann keines ohne das andere sein
sie wachsen nur aus einem Keim."
Ihre Bestimmung war es, in dem Herzen eines jeden Menschen Einzug zu halten.
Wenn Eines ein Herz erobert hatte, ließ das Andere nicht lange auf sich warten, sie waren schließlich Blutgeschwister.
Und deshalb wird es niemals einen Menschen geben, der allezeit glücklich ist, aber es wird auch kein Mensch dauerhaft leiden müssen.

Als sie den letzten Satz des Märchens gelesen hatte, wurde sie tief ergriffen von einer Erkenntnis:
Die Liebe, die sie für ihren verstorbenen Mann empfand, war der Grund, warum sie so litt. Wäre er nicht in ihr Leben gekommen, hätte sie niemlas das unermesslich wertvolle Geschenk seiner Liebe empfangen und würde jetzt auch nicht leiden.
Beides war untrennbar miteinander verbunden wie die zwei Seiten einer Goldmünze.



Endlich Feierabend

Endlich Feierabend
(nach einer wahren Begebenheit)

Endlich Feierabend! Jetzt nur schnell nach Hause, dachte er und sah sich im Geiste schon total entspannt bei einer duftenden Tasse Tee mit seinem Lieblingsbuch auf dem Sofa herumfläzen. Er ging beschwingten Schrittes Richtung Parkplatz, wo er sich jeden Abend nach getaner Arbeit mit seiner Freundin traf, um mit ihr gemeinsam nach Hause zu fahren.
Lotta war heute zuerst beim Auto und er sah schon von Weitem, dass etwas nicht stimmte. Sie trippelte nervös hin und her und als sie ihn erblickte, rang sie verzweifelt mit den Armen. Er musste nicht warten, bis er bei ihr angekommen war, sondern erfuhr bereits auf halbem Wege den ihm von ihr mit erhobener Stimme entgegengeschmetterten Grund der Aufregung: Er hatte am Morgen den Autoschlüssel versehentlich im Auto stecken lassen. Zum großen Glück war Lotta trotz ihres etwas aufbrausenden Naturells stets pragmatisch und lösungsorientiert. Deshalb war schnell klar, was Gregor jetzt zu tun hatte. Sie schickte ihn zum nahegelegenen Blumengeschäft um die Ecke, um Blumendraht zu kaufen, denn es war ja schließlich kein Geheimnis, dass schon mancher Autodieb mit diesem simplen Mittel zum Erfolg gekommen war.
Im blieb weder Zeit noch Kraft für Einspruch und so schlenderte er mit gesenktem Haupt von dannen. Ihn ihm regte sich sofort ein mulmiges Gefühl und er war sich darüber im Klaren, dass er sich mit seiner Bitte nach Blumendraht höchst verdächtig machen würde. Was konnte man auch anderes denken, als dass er sich an einem fremden Auto zu schaffen machen wollte; er sah schließlich nicht wie ein verkapptes Floristikgenie aus! Zudem war er auch nicht mit schauspielerischem Talent gesegnet, das ihm jetzt geholfen hätte, selbstsicher und unbedarft zu wirken. Nun, es war also abzusehen, dass dieser Einkauf nicht reibungslos vonstatten gehen würde.
Er betrat mit bleischweren Schritten und hängenden Schultern das Geschäft. Ein winziger Augenblick blieb ihm noch, um sich selbst verzweifelt Mut zuzusprechen, denn die Kundin vor ihm war noch nicht ganz fertig. Dann war es soweit, die freundliche Verkäuferin fragte ihn nach seinem Wunsch. „Eine Rolle Blumendraht bitte“, sprach er mit dünner, zittriger Stimme.
Sie schaute ihn sogleich mitleidig an und fragte: „Sie möchten also Blumendraht?“ Die Last des zugegebenermaßen vollkommen berechtigten Verdachtes, den er auf sich zog, legte sich unterdessen als Kloß auf seine Stimmbänder. Kein Wort bekam er mehr heraus. Sein Schweigen, gepaart mit der gekrümmten Körperhaltung, erweckte bei der Verkäuferin jähes Mitleid und sie fragte ihn, ob er mit dem Blumendraht einen Kranz binden wolle? Er war inzwischen so verzweifelt und überfordert von der ganzen Situation, dass er nur stumm nickte, in der Hoffnung, jetzt unverzüglich seinen Einkauf erledigen und den Ort des Grauens verlassen zu können. Aber er hatte nicht damit gerechnet, dass er bei der emphatischen Dame sowohl mütterliche Gefühle als auch ihre grenzenlose Hilfsbereitschaft wecken würde.
Sie fragte mit samtweicher, einfühlsamer Intonation, ob seine Oma gestorben sei und als er schicksalsergeben seinen Blick noch weiter senkte, ging sie beherzt in die Offensive und schlug vor: „Wissen Sie, es ist doch viel zu zeitaufwendig und umständlich einen Kranz selber zu binden. Ich habe hier noch einige Kränze im Sonderangebot, sind zwar noch von der letzten Woche, aber wirklich anstandslos in Ordnung. Kommen Sie doch mal mit, junger Mann“! Sie zog ihn, weil er keinen Widerstand leistete, in die hinterste Ecke, wuchtete mit elegantem Schwung drei Kränze, einer schöner als der andere, auf den Tisch. „Bitte sehr, jeder zum halben Preis, dafür können Sie es doch nicht selber machen!“ sagte sie triumphierend.
Blitzartig überkam ihn ein eiskaltes Grausen, als er sich vor seinem inneren Auge mit dem Kranz aus dem Geschäft gehen und irgendwo heimlich in einer Ecke in Windeseile den Kranz auseinanderrupfen sah, um an den begehrten Blumendraht zu kommen. Augenblicklich wurde ihm klar, dass er jetzt sehr tapfer sein musste, bevor die Situation total aus dem Ruder lief. Er sammelte also alle Kräfte, die er noch in letzter Verzweiflung aufbringen konnte, und sagte mit gepresster Stimme: „Ich möchte Blumendraht!“
Sie schüttelte verständnislos ihren Kopf, gab sich aber geschlagen und reichte ihm das Objekt seiner Begierde. Sein Glück kaum fassend schritt er mit stolz geschwellter Brust zum Parkplatz zurück. Sein Heldenmut wurde aber keineswegs gewürdigt, im Gegenteil! Lotta wetterte mit zornerfüllter Stimme: „Wo bleibst du denn, es ist doch nicht zu fassen, wie lange kann man denn brauchen, um eine winzige Rolle Blumendraht zu kaufen?“