Ungetragen

Sie stand vor dem geöffneten Kleiderschrank. Ihre Blick streifte aufmerksam über den Inhalt der nun wie ein geöffnetes Buch vor ihr lag und von einem vergangenen Leben erzählte. Behutsam strich sie mit ihrer Hand von rechts nach links entlang der Kleidungsstücke die fein säuberlich aufgereiht auf ihren Bügeln hingen.
“ Kind wie läufst du denn schon wieder herum, was sollen den bloß die Leute denken? Der erste Eindruck zählt und dabei ist eine angemessene Kleidung enorm wichtig!“ Tante Irmtrauds Stimme klang noch immer in ihr nach.
Sie selbst wählte ihr Kleidung ganz nach Lust und Laune aus und so war sie nach Ansicht ihrer Tante eigentlich fast nie passend angezogen.
„Du kannst doch nicht dein bestes Kleid an einem Tag wie heute anziehen, das ist doch ein Festtagkleid!“
Sie stand noch immer vor dem Schrank und zog nun von rechts nach links einzelne Bügel heraus um sich die Kleider näher anzuschauen. Jedes Teil weckte in ihr eine Erinnerung, und sie sah die Tante darin wie sie zum Beispiel in der Küche kochte oder im Garten arbeitete.
Als ihre Hand fast die gesamte Reihe abgegriffen hatte, zog sie ein Kleid heraus, welches sie noch nie gesehen hatte. Es war noch völlig ungetragen, und war noch mit dem Preisettikett versehen. Es war wunderschön, ein wahres Prachtstück. Aber es war offensichtlich niemals „zum Einsatz“ gekommen. Nicht nur durch die Tatsache, dass es neuwertig war, ließ es sich von den anderen Teilen unterscheiden, sondern auch dadurch, dass es als einziges Exemplar unter lauter Alltagskleidern die Bezeichnung „Festtagskleid“ verdient hatte.
Sie betrachtete das jungfräuliche Kleid in ihren Händen und ihr wurde klar, dass dies ein Symbol war für alle ungelebten Träume ihrer Tante, die unter dem Vorwand des Pflichtbewusstseins im hintersten Winkel des Herzens vergraben wurden. In Tante Irmtrauds Leben hatte es  keinen Platz für Feste, Leichtigkeit und Lebenslust gegeben.
„Erst die Arbeit, dann das Spiel!“, war ihr Wahlspruch und Arbeit gab es immer.
Betroffen hängte sie das Kleid wieder an seinen Platz.
Als sie den Schrank geschlossen hatte, hatte, nahm sie eine Frage in ihrem Herzen mit: Welche Kleider habe ich in den hintersten Winkel verschlossen die darauf warten von mir ins Leben getragen zu werden?

Das Licht einfangen

Lebenskraft
Liebesfunken

Das Licht einfangen
überall wo du es wahrnimmst.

Das Licht auftanken
überall wo es dich erreicht.

Vielleicht ist es das Wichtigste
was wir im Leben lernen können:

Nicht nachlassen
uns nach dem Licht auszurichten.

Nicht aufhören
nach dem Licht zu suchen.

Es lässt sich finden
Selbst die Nacht ist nicht ohne Licht.

(C) Beate Neufeld
13.06.2017

Das Glück

Das Glück

Es war einfach unglaublich,
da hatte das Glück tage- und wochenlang
damit zugebracht,
hinter ihr herzulaufen,
sie zu umgarnen,
ja sogar sich ihr in den Weg zu stellen,
nur damit sie endlich das Glück entdecken würde.
Aber sie war einfach schneller,
ließ sich nicht halten
und lief im Zickzackkurs gekonnt um das
Glück herum,
als ob sie eine neue sportliche Disziplin
erfunden hätte.
Sie war geübt und so ausdauernd trainiert,
dass das Glück schließlich völlig entkräftet aufgeben musste.
Es blieb einfach am Rand des Weges liegen,
und da liegt es immer noch,
denn es hatte beschlossen,
sich niemals mehr gewaltsam aufzudrängen.
Fortan wollte es nur noch freiwillig gefunden werden.
Wenn du es entdecken möchtest,
dann sei gewiss,
dass es geduldig wartet
und sich von dir finden lässt.

Das Glück hat tausend mal tausend Gesichter.
Manchmal entdeckte ich es in einem lachenden Kindergesicht, zuweilen auch in einer leuchtenden Blume im Feld.
Ich konnte es in der Melodie des Windes hören
und in der salzigen Meeresluft schmecken.
Vielleicht legt es sich dir als moosiger Waldweg unter die Füße
oder begegnet dir in einem ehrlichen Wort aus Freundesmund?
Wenn du es gefunden hast, dann wirst du wissen, wie es aussieht,
aber nur für diesen Augenblick und für dieses eine Mal.
Es lässt sich nicht halten und wird sich schon bald ein neues Gewand anlegen.
Das Glück hat tausend mal tausend Kleider.

Glücksmomentesammler

Das Geschenk des Augenblickes ist ein Stück Himmel mit einer Lücke in den Wolken, die groß genug ist um mir ein Sonnenbad zu gewähren.

Das Wetter rundherum, ob vorher oder nachher ist mir völlig gleichgültig, denn ich bin ein Glücksmomentesammler.

Das Geschenk des Augenblickes sind zwei Hundepfoten, die sich auf meine Knie stellen, um mir zu zeigen, dass es Zeit für eine Schmuserunde ist.

Mein Stimmungsbarometer rundherum, ob vorher oder nachher ist mir ganz unwichtig, denn ich bin ein Glücksmomentesammler.

(C) Beate Neufeld
29.04.2017

Sonnenklar

Während ich darüber nachdenke, wie ich mich entscheiden würde,
sollte augenblicklich eine gute Fee
bei mir eintreffen
und mir die Möglichkeit bieten, rückwirkend in meinen bisherigen Lebenslauf einzugreifen
und beliebige Änderungen vorzunehmen, lässt die Antwort nicht lange auf sich warten.
Kraftvoll und sonnenklar
formt sich ein NEIN.
Mit unerschütterlichere Sicherheit erkenne ich,
dass alles was war,
so kunstvoll zu einem
einzigartigen Muster verwoben
und unendlich liebevoll
mein Lebenssinn
hineingeschrieben ist
von Schöpferhand.

(C) Beate Neufeld
23.03.2017

Was bleibt ist die Liebe

Heute entdeckte ich bei Anna-Lena ihren Beitrag zu einem Schreibprojekt, in dem es darum geht, ein Kurzgeschichte mit maximal 10 Sätzen zu schreiben die 3 vorgegebene Wörter beinhalten muss.
Diese Woche sollten es die Wörter: HAND, WIND und GOLD sein. Ich las ihren Beitrag zum Projekt zunächst ganz bewusst nicht und ließ mich zu einer eigenen Geschichte inspirieren. Umso erstaunter war ich dann, als ich ich sah, dass wir beide das Thema Tod gewählt hatten.

Hier also meine Geschichte:

Was bleibt ist die Liebe

Sie wusste nicht wie viele Stunden sie bereits am Bett ihrer sterbenden Mutter gesessen hatte, seit sie sich aufgeschreckt durch die  Nachricht auf ihrem Anrufbeantworter im Krankenhaus eingefunden hatte.

Hilflos und haltlos fühlte sie sich, wie eine Pflanze die von mitleidsloser Hand aus der Erde gerissen wurde.

Hoffnung auf eine Wendung des Schicksals gab es nicht, denn sie spürte wie die Lebenskräfte der Mutter flüchtig wie der Wind ihren Körper verließen.

Der Schmerz zerriss fast ihr Herz und sie versuchte mit aller Kraft zu halten, was sich nicht halten ließ.

Schonungslos wie ein Schwert wurde sie von der Frage durchbohrt, ob  irgendetwas bliebe?

Es konnte nicht sein, dass dieses Leben, dieser Zeitraum zwischen Geburt und Tot eines Menschen, zur Bedeutungslosigkeit verdammt war.

Sie konnte sich einfach nicht vorstellen, dass ihre Mutter sich zu einem Nichts auflösen würde und es schon bald so sein würde, als hätte sie nie gelebt.

Ihre bisherige Lebenszeit von dem Zeitpunkt an, seit sie sich erinnern konnte, lies sie Revue passieren.

Schwere und schöne Zeiten, Freude und Schmerz, alles wurde in ihr wieder lebendig und eine leise, zarte Ahnung begann in ihr zu wachsen.

Dann kam er, der unausweichliche Moment des Abschieds, den sie lebenslang stets erfolgreich verdrängt hatte und mit ihm legte sich in ihre Seele ein Schatz wertvoller als Gold, und sie wusste jetzt, dass die Liebe alles in sich trägt was war und ist und ewig bleibt.