Ein winziger Sonnenstrahl

Ein winziger Sonnenstrahl, einer von Abertausenden die stolz, zielgerichtet und voller Motivation ihre leuchtende Energie auf die Erde schickten, fühlte sich ziemlich überflüssig und nutzlos.
Wer brauchte ihn schon? Er fiel in der Riesenmenge überhaupt nicht auf, ob er strahlte oder nicht, machte doch keinen Unterschied!
Aber dann  kam seine große Chance: Ein trostloser nasskalter Tag im Mai. Die Sonne versteckte sich schaudernd hinter den dicken grauschwarzen Wolken.  „Jetzt „, dachte er, „jetzt gilt es!“, und er suchte beherzt nach einer kleinen Lücke. Sobald er sie entdeckte wagte er sich mutig hervor und schoß wie ein Pfeil nach unten auf die Erde. Vergnügt strahlte er in das erstaunte Gesicht eines Menschens der zuvor mit gesenktem Kopf und hängenden Schultern lustlos zur Arbeit geschlichen war. Nun hellte sich dessen Miene auf und er neigte seinen Kopf zum Himmel um die zarte Wärme zu genießen.
Plötzlich wurde dem winzig kleinen Sonnenstrahl bewusst, dass er sehr wohl wichtig und bedeutend war. Er begriff, dass ein Sonnenstrahl alleine zwar durchaus einen einzelnen Menschen für einen kurzen Augenblick erheitern konnte, aber wieviel mehr konnten alle Sonnenstrahlen gemeinsam bewirken?
Er erkannte nun, dass die gewaltige Kraft der Sonne nur dadurch zustande kam, dass Viele das gleiche Ziel verfolgten!
Und der Mensch, der durch den winzigen Sonnenstrahl unerwartet aus seiner Lethargie gerissen wurde, dachte bei sich:  „Es ist gut, darauf zu vertrauen, dass es immer wieder Lichtblicke geben wird, manchmal gerade dann wenn man sie am wenigsten erwartet!

Mut zur Lücke

Kürzlich hat Priska in ihrem Blog ein Gedicht veröffentlicht, was mich lange beschäftigt hat. Es hat mich zum Nachdenken angeregt und daraus ist ein Gedicht entstanden.

Mut zur Lücke

Eigentlich war alles in bester Ordnung,
aber die Angst etwas zu verlieren, zu entbehren oder zu verpassen saß ihm im Nacken. So verschwendete er sämtliche Energie darauf, zu raffen und zu hasten, zu kontrollieren und zu gieren.
Ihm fehlte einfach der Mut zur Lücke.

Eigentlich war Vieles ganz anders gelaufen, als sie es sich gewünscht hätte,
aber im Laufe ihres Lebens hatte sie gelernt, dass in jedem Rückschlag auch Lernpotential steckt.
Sie war gestärkt und gewachsen, gelassen und optimistisch.
Ihr wurde jede Lücke zur Brücke.

Der Traum des Löwenzahnes

„Oh je oh je,wie fürchterlich, mein Kleid ist kaputt! Dieser dumme Wind hat ein Loch hinein gerissen, was soll ich bloß tun“, jammerte Leonie, die auf der kleinen Wiese am Dorfteich lebte.
Sie schaute verzweifelt umher und plötzlich blieb ihr vor Schrecken die Stimme weg.
Da hinten rechts am Rand der Wiese sah doch tatsächlich alles noch viel schlimmer aus.
Manche ihrer Blumenfreunde hatten ein viel größeres Loch zu beklagen und einige standen jetzt schutzlos und nackt da.
Sie hatte es freilich schon oft bei anderen Löwenzahnblumen beobachtet und wusste genau, was danach geschah, grausam war das, denn dann ging es einfach rapide bergab. Einmal seines Kleides beraubt, musste man wehrlos vertrocknen und schließlich verschwand man im Nichts, so als ob man niemals dagewesen wäre.
Leonie begann nun noch lauter zu weinen und davon wurde ein kleines zartgrünes Etwas unsanft aufgeweckt. Valerie war nämlich erschöpft von der Anstrengung, die es gekostet hatte um ihre ersten winzigen Blättchen durch die schwere Erde nach oben ans Licht zu strecken, ein wenig eingenickt.
Sie blinzelte und schaute sich verwirrt um, bis sie direkt in Leonies angsterfülltes Gesicht blickte.
Da erhob Valerie ihr leises Stimmchen und rief:
„ Hallo, du da oben, warum bist du so traurig?“
Etwas verdutzt hielt Leonie im Klagen inne und sprach entrüstet:
„Ja schau mich doch an, was fragst du denn so dumm? Ach, du bist halt noch klein und einfältig, hast keine Ahnung von der Tragödie des Lebens! Mein schönes Kleid ist zerrissen, und beim nächsten Wind, werde auch ich so schutz- und nutzlos herumstehen und kann nichts dagegen tun, dass ich schon bald verloren bin. Alles war umsonst, und dabei habe ich einmal so wunderbar geblüht. Eine Schönheit war ich, meine Blüte hat geleuchtet fast so hell wie die Sonne selbst. Meine Blüte habe ich dann mit diesem wundervollen Kugelkleid getauscht. Da habe ich zwar selbst nicht mehr geleuchtet, aber dafür konnten die Sonnenstrahlen durch mich hindurch strahlen und verliehen mir einen geheimnisvollen Glanz. Nun sind meine Tage gezählt und am Ende wird nichts von mir übrig bleiben. Wozu habe ich dann überhaupt gelebt, das hat doch alles keinen Sinn?“

Valerie schaute Leonie voller Mitgefühl an und sprach zu ihr:
„ Ich kann dir zwar dein schönes Kleid nicht mehr flicken, aber vielleicht kann ich dich aufmuntern, wenn ich dir von meinem wunderbaren Traum erzähle, aus dem ich durch dein Weinen erwacht bin?“
Sie wartet nicht ab, ob Leonie einwilligte, sie begann einfach zu erzählen:
„Ich habe geträumt, dass ich ein federleichtes Schirmchen bin. Mit unzähligen anderen kleinen Schirmchen wuchs ich ganz dicht zusammen. Plötzlich zauste uns ein frischer Wind und wir wurden durcheinander gewirbelt und hoch in die Luft erhoben. Ich tanzte im Wind und wurde weit fort getragen, bis ich schließlich auf der Erde landete. Da lag ich eine Weile bis es regnete und die Erde ganz nass und weich wurde, dann wurde es dunkel um mich. Es war als wenn ich schlafen würde. Eine Weile später begann ich mich zu recken und zu strecken und ich musste meine ganze Kraft zusammen nehmen, bis ich endlich aus der dunklen Erde heraus schauen konnte und sah, dass ich angekommen war, hier auf dieser Wiese, genau da wo ich jetzt auch stehe.“
Leonie hatte Valerie voller Staunen zugehört und dabei völlig vergessen, dass sie vor einer Minute noch tieftraurig gewesen war.
Sie schaute mit großen Augen um sich herum und betrachtete die vielen Blumengeschwister: Ganz kleine frisch grüne Pflänzchen wie Valerie standen neben voll erblühten leuchtend gelben sowie auch durchscheinend kugelförmige Löwenzahnblumen. Sie gewahrte nackte Blütenstängel neben bereits gänzlich vertrockneten kaum noch als ehemalige Blumen zu erkennenden Überresten. Dann schaute sie sich selber an, so wie sie sich noch niemals wahrgenommen hatte und entdeckte, dass ihr Kleid aus unzähligen Schirmchen zusammengesetzt war, und fühlte sich plötzlich auf seltsame Weise leicht und befreit. Ein leises Sehnen ergriff sie und in ihr wurde eine zaghafte Ahnung geweckt, dass Valeries Traum viel mehr als nur ein Traum ist.

Euch allen wünsche ich ein froh machendes Osterfest.

In unserem Leben liegt soviel Auferstehung

In unserem Leben liegt soviel Tod
nicht nur der Tod der unwillkürlich eingewoben ist
sondern der Tod den wir selbst geschehen lassen,
weil wir unser Leben beschneiden
aus Pflichtgefühl oder Schuldgefühl
aus mangelnder Selbstliebe oder Opferbereitschaft
weil wir uns selber nicht ernst genug nehmen
und unsere Verantwortung in fremde Hände geben

In unserem Leben liegt soviel Lebenskraft
wie wir bereit sind aufzuspüren und aufzugreifen
und dann geschieht Auferstehung
nicht nur die Auferstehung an die die Christen glauben
sondern deine ureigene Auferstehung
die dich vom Staub befreit
die deine ungeahnten Kräfte weckt
die dir die Ketten löst
und deine Füße auf neue Wege lenkt

Geschenke auspacken

Das Geschenk des heutigen Tages
Neulich hörte ich einen Spruch in dem in etwa zum Ausdruck gebracht wurde, dass jeder Mensch bei seiner Geburt die ganze Welt geschenkt bekommt und dass die meisten Menschen sterben, ohne dass sie das Geschenkband überhaupt gelöst haben.
Nun, ich stelle es mir so vor, dass unzählig viele Geschenke auf meinem Lebensweg darauf warten, von mir entdeckt und ausgepackt zu werden.
Heute war so ein Tag, an dem mein Blick aufmerksam und meine Sinne wach waren.
Ich habe meine Geschenke heute ausgepackt:
Der Duft des Sommers nach Getreide und Lindenblüten, der Gesang der Lerchen und das muntere Krächzen der Krähen.
Die Wölkchen über dem Feldweg und die mutige Mohnblume die als Einzelexemplar stolz und selbstbewusst noch ein Stückchen höher gewachsen ist als alles um sie herum.
Die Sonne auf meiner Haut und das gelegentliche kühle Lüftchen.
Der Anblick der friedlichen Landschaft, die nichts weiß von Feindschaft und Kampf.
Ich wünsche dir, dass du die Geschenke auspacken wirst, heute, morgen und an jedem deiner Tage.

Lebensgarten

Im Garten meines Lebens wachsen die verschiedensten Pflanzen.
Eine Hand voll Samenkörner brachte ich mit, als ich auf diese Erde kam.
Manche davon sind schon aufgegangen und haben sich prächtig entwickelt.
Einige liegen noch im Verborgenen und warten darauf, von mir eingepflanzt zu werden.
Ein paar sind bereits abgestorben und Andere noch im Wachstum.
Wenige Pflänzchen sind verkümmert, vielleicht habe ich sie aufgegeben, weil ich dachte, dass mir „der Grüne Daumen“ dafür fehlt?
Ich habe im Laufe meines Lebens eine weitere Hand voll Samenkörner am Wegesrand gesammelt.
Einen Teil davon pflanzte ich sofort mit großer Begeisterung ein und mit dem restlichen Teil weiß ich noch nicht so recht wohin, es fehlt mir der Mut oder die Entschlossenheit.
Und dann ist da noch das Unkraut, es scheint einfach so aus dem Nichts zu wachsen und ist mir ein Dorn im Auge.
Ich grabe und hacke mit unglaublichem Kraftaufwand, unter Schmerzen, mit Schweiß und Tränen, aber der Erfolg meines mühsamen Unterfangens ist nur sehr begrenzt.
Eine kleine Weile schaue ich auf meinen fast makellos gepflegten Garten, bis es irgendwo schon wieder zu sprießen beginnt, was ich nicht mag, was mir lästig ist, was sich unbändig ausbreitet und meinen Pflanzen die Luft zum Atmen und den Platz zum Wachsen nimmt.
Manchmal, sehr selten nur, habe ich beim näheren Hinsehen entdeckt, das das Unkraut eine ganz eigene Schönheit entwickelt und ließ es wachsen, gab ihm Raum, im Garten meines Lebens.

Trotzdem

Trotzdem

Wo Logik und Verstand blockieren,
will ich mich der größeren Wahrheit öffnen
und an das Unglaubliche glauben.

Wo aus Angst Worte fehlen,
will ich mein Ohr an den Seelengrund legen
und das Ungesagte hören.

Wo der Blick verschleiert ist,
will ich meine Herzensaugen öffnen
und das Unsichtbare sehen.

Wo mir Naivität vorgeworfen wird,
will ich bei mir bleiben
und auf meine innere Weisheit vertrauen.

Das Osterhuhn

Im Garten hinter dem Apfelbaum wohnte in einem verfallenen Schuppen eine Familie Hühner.
Sie lebten schon lange in beschaulicher Eintracht dort und waren eine eingeschworene Gemeinschaft. Der Friede sollte eines Tages gestört werden, als von den Menschen unwillkürlich ein neues Huhn einquartiert wurde. Alle waren sich sofort darüber einig, dass dieser unliebsame Eindringling nur Scherereien mit sich bringen würde, der Platz würde weniger und die Körnerportion würde kleiner werden, das lag doch auf der (Hand) Kralle.
So würdigten sie Aurelia keines Blickes mehr und ließen es nur sehr ungern zu, dass sie auf der Hühnerstange Platz nahm.
Gemeinschaftlich verbündeten sie sich gegen den unliebsamen Gast indem sie alle enger zusammen und insgesamt ein Stück weiter nach rechts rückten, Aurelia ließen sie dabei einfach links (liegen) sitzen.
Seit ihrem Einzug waren nun gerade mal zwei Tage vergangen und das Osterfest stand vor der Tür, als in die eingefleischte Hühnergesellschaft eine gewaltige Bewegung kam.
Henriette,das älteste Huhn, hatte das Wunder als Erste entdeckt.
Fassungslos blieb sie wie angewurzelt stehen, als sie das Ei erblickte, welches Aurelia gelegt hatte.
Es war und blieb auch bei genauerem Hinsehen tatsächlich grün.
Das hatte es noch nie gegeben, alle Eier die Henriette je zu Gesicht bekommen hatte waren makellos weiß, mit Ausnahme der Ostereier.
Diese wurden allerdings eigenhändig von den Menschen jedes Jahr gefärbt und in die Osternester gelegt, die sie für die Kinder im Garten versteckten.
Als Henriette sich aus ihrer Schockstarre lösen konnte, verfiel sie sofort in ein aufgeregtes Geschnatter und lockte damit alle Mitglieder der Hühnerfamilie herbei. Diese stimmten augenblicklich in das Geschnatter mit ein.
Es dauerte auch nicht lange bis die Stalltür sich öffnete und ein Mensch in den Stall hereinschaute, um den Grund des Tumultes auszumachen.
Auch er staunte nicht schlecht und rief erfreut: „Das ist ja phantastisch, da brauchen wir nun gar nicht mehr alle Eier selber färben, unser neues Huhn hilft uns dabei!“
Nun war es offensichtlich, es lag ganz klar auf der Hand, dass Aurelia ein ganz besonderes Huhn war und sie verschaffte sich mit ihrer außerordentlichen Begabung gehörigen Respekt bei den anderen Hühnern.
Sie wurde nun keinesfalls mehr gemieden sondern fast ehrfürchtig in der Mitte der Sitzstange platziert und jedes Huhn bestand darauf, auch einmal direkt neben Aurelia zu sitzen, deshalb wechselten sie sich nun tagtäglich damit ab.
Von den Menschen wurde Aurelia fortan nur noch.“Unser Osterhuhn“ genannt.